Von Ulrich Schiller

Spärlicher Haarwuchs? Übergewicht? Niedriger Libidopegel? Defizit im Selbstvertrauen? Derartigen Unvollkommenheiten kann heute leicht abgeholfen werden. In den Audio-Abteilungen vieler Buchläden liegen Kassetten der vielfältigen Lebenshilfe bereit; Kassetten, die laut den Versprechungen ihrer Hersteller mühelos und schmerzlos, gleichsam ohne eigenes Zutun, Wohlbefinden und Erfolgserlebnisse produzieren. "Subliminal" steht diskret auf den phantasievoll aufgemachten Schachteln in Buchformat (vgl. DIE ZEIT Nr. 12/90: "Ich programmier’ mich um"). Unterschwellig vermittelte Botschaften sollen ins Unterbewußtsein schlüpfen.

Relaxing music oder Naturgeräusche schaffen, wenn die Werbung nicht trügt, ein Klima der Empfänglichkeit. Es gibt sogar tapes, die spielen nicht einmal die Musik; die spielen ganz einfach Stille, und auch in die Stille hinein wollen Tonbandkünstler ihre unhörbaren Befehle geschmuggelt haben. Kann aber irgend jemand den Beweis erbringen, daß unterschwellige Botschaften tatsächlich wirken und auch erkennbare Folgen haben?

Eben dies wird gegenwärtig zu beweisen versucht, und zwar vor Gericht in Reno im amerikanischen Bundesstaat Nevada. Es ist ein absurder Prozeß, ein tragischer Prozeß, ein bedenklicher Prozeß und ein Prozeß mit einem sehr neu-amerikanischen Hintergrund: Nie wollen die Leute selbst an etwas schuld sein. Immer ist ein anderer die Ursache für das eigene Unglück, ein anderer soll vor allem für den Schaden aufkommen: der Hersteller des Rasenmähers, an dem man sich verletzt hat, oder der Konstrukteur eines Segelflugzeuges, mit dem man eine Bruchlandung gemacht hat. Und die Entschädigungsansprüche gehen gewöhnlich in die Millionen. So auch in Reno.

Zwei junge Männer haben 1985 Selbstmord verübt. Der eine war sofort tot, der andere starb drei Jahre später. Jetzt klagen die Eltern der beiden auf Schadensersatz, weil sie geltend machen, versteckte Signale und Kommandos auf Schallplatten von CBS Records unter der Musik der Heavy Metal Band Judas Priest hätten James Vance und Ray Belknap zum Selbstmord getrieben. Die Entscheidung über die Klage – nicht vor Ende August zu erwarten – liegt allein in der Hand des Richters Whitehead, der den Zivilprozeß ohne Geschworene führt, und es ist völlig klar, daß mehr auf dem Spiele steht als eine Entschädigungssumme.

Sollte Whitehead im Sinne der Kläger entscheiden, wäre die ganze Schallplattenbranche im USA-Vertrieb betroffen, die Rockbands wären es mit ihrer Musik wie mit ihren Texten. Stets müßten sie die Abwesenheit von etwas beweisen, das nicht gehört und nicht gesehen werden kann. Es würde Aufsicht und Zensur geben. Kein Wunder, daß die Reporter in Scharen in die Stadt der Spielkasinos einfielen, als der Prozeß am 16. Juli eröffnet wurde; kein Wunder, daß die Bandmitglieder wild entschlossen sind, den Prozeß bis zum Ende in Disziplin und bürgerlicher Ordentlichkeit durchzusitzen und daß CBS Records die Creme der Anwälte, Psychiater und Audio-Experten zu seiner Verteidigung aufgeboten hat.

Die Photos der beiden jugendlichen Selbstmörder zeigen nichts Außergewöhnliches. Ray Belknap war achtzehn, als er die abgesägte Schrotflinte ansetzte, James Vance war zwanzig. Ray: ein kesses Sonnensprossengesicht unter Stirn und Ohren bedeckendem Haarschopf; Vance mit Schnauzbart und hintergründigem Lächeln. Die Mütter der beiden, die in der Vorstadt Sparks, da wo die Wüste beginnt, ihre Familien recht und schlecht durchgebracht haben, behaupten natürlich alle, das häusliche Klima sei "o.k." gewesen. Sie räumen aber ein: James habe zu Gewalt geneigt, habe zum Beispiel der Mutter das Nasenbein eingeschlagen. Ray sei in der Schule ein Versager gewesen, habe gelegentlich geklaut, habe vor weiblichen Kinobesuchern die Hose heruntergelassen. Beide standen seit Jahren auf Drogen und Alkohol. Freilich versichern die Mütter dem Richter, nur das ständige Hören der Heavy-Metal-Musik von Judas Priest habe die Jungen in den Tod getrieben.