Von Michael Schwelien

Bahraini Kairo, im August

Dicht am Zentrum des Sturms herrscht eigenartige Ruhe. Sobald die Großraumjets aus Europa zu ihren Zielen im Fernen Osten weitergeflogen sind, versinken die Zöllner und Grenzpolizisten in einen Halbschlaf, der nötig ist, um Temperaturen von fast fünfzig Grad Celsius zu überstehen. Der Inselstaat Bahrain, etwas westlicher geprägt als Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder das nur 48 Stunden zuvor überrannte Kuwait, könnte das nächste Objekt irakischer Begierde werden. Doch von Alarmbereitschaft keine Spur.

Im Flughafenrestaurant philosophiert ein angetrunkener Ingenieur der amerikanischen Fördergesellschaft Santa Fe, die auch für die Kuwaitis bohrte, über das Geschäft, den Krieg und die Mentalität der Araber. Er ist Amerikaner österreichischer Herkunft und hat in den meisten Ölländern der Welt seine rigs aufgestellt. „Na klar, Kuwait hat irakische Felder angezapft – erst tausend Meter runter und dann seitwärts.“ Diebstahl dieser Art habe er selber auch schon begangen, von Oman aus nach Saudi-Arabien hinein. Breiter kärntnerischer Dialekt, durchsetzt mit amerikanischen Vokabeln: „Das ist ganz normal, you just do it.“ Die friends, die jetzt von den irakischen Soldaten hochgenommen worden sind, täten ihm of course leid. Aber nicht allzusehr: „Öl ist immer riskant, mal ’nen blow-out, mal toxisches Gas, hab’ selber oft tagelang mit dem oxygen auf dem Rücken gearbeitet, mal Krieg.“ Den aber würden die Araber so ernst auch nicht nehmen: „In zwei Tagen ist der Spuk vorbei.“

Mehrere hundert Philippinos, die mitten in der Nacht mit einem Jumbo aus Manila landen, haben anscheinend von Krise und Krieg gar nichts bemerkt. Sie singen und lachen. Der Zwischenstopp ist eine letzte Ruhepause, bevor sie in winzigen Flugzeugen zusammengepfercht in andere Golfstaaten weiterfliegen. Dort verrichten sie die Dreckarbeit. In den Gesellschaften am Persischen Golf ist das ihre Rolle. Den Familien der Scheichs, vor zwei Generationen noch in Zelten lebende Beduinen, gehört das Öl; Europäer und Amerikaner leiten die Förderung und die Bank- und Finanzgeschäfte; Japaner, Taiwaner und Südkoreaner stellen Ingenieure, Techniker und Bauarbeiter. Palästinenser, Jordanier und Ägypter arbeiten als Rechtsanwälte, Ärzte und Staatsdiener. Einige wenige Inder brachten es zu Ladeninhabern, die meisten ihrer Landsleute aber bilden zusammen mit den Pakistanis, Bangladeschi und eben den Philippinos das Heer der Elenden und Rechtlosen, das die Schaufeln schwingt, Böden schrubbt, Betten macht und Wäsche bügelt.

Zu zehnt oder zwölft hausen sie in Buden und Verschlagen abseits der Appartmentburgen der glücklicheren Ausländer, weit weg von den Palästen der Feudalherren. Wenn die Einnahmen aus dem Ölgeschäft und aus den Investitionen in Europa oder Amerika schrumpfen, werden sie einfach in ihre Heimat zurückgeschickt. Geht es wieder aufwärts, erscheinen Anzeigen wie etwa diese in der Times of India: „Vierhundert Stück Inder gesucht als Hotelpersonal in Abu Dhabi.“

– Kein Wunder also, daß die junge Rosario aus Luzon entgeistert zurückfragt: „Krieg, Invasion – wo?“ Und kaum erstaunlich, daß der indische Angestellte eines Goldhändlers am Flughafen den Kopf schüttelt: „Kuwaitis, Irakis, mir ist das egal, die sind sich bald wieder einig.“ Am Sonnabend vergangener Woche, immerhin drei Tage nach dem Angriff des Irak, hatten die Zeitungen Bahrains genau wie die der Emirate die Invasion noch nicht einmal gemeldet.