Das Geheimnis des Norbert Elias, eines der größten Soziologen dieses Jahrhunderts, ist nicht leicht zu beschreiben. Er war ein vitaler und leidenschaftlicher Mann, bis ins hohe Alter. Kürzlich erst, da war er 92, antwortete er auf die Frage "Sind Sie ein glücklicher Mensch?": Ja. Ich bin glücklich, weil ich die Aufgabe, die sich mir gestellt hat, einigermaßen erfüllt habe." Diese Aufgabe bestand darin, wissenschaftlich zu ergründen, nach welchen Gesetzen das Zusammenleben der Menschen funktioniert und wie es sich entwickelt hat – also vorzugehen wie jeder Soziologe. Mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, daß Elias dieses Ziel, lange vor Daniel Bells These vom "Ende der Ideologie", wirklich fern von jeder Ideologie verfolgt hat, frei von Zorn und Leidenschaft, und dabei Dinge entdeckt hat wie vor ihm und neben ihm keiner.

Ein Geheimnis ist das schon: daß dieser Mann, dessen Biographie ein Spielball dieses Jahrhunderts war und dessen Leben öfter dem Nichts benachbart war als dem Erfolg, mit konzentriertester Genauigkeit und kühler Distanziertheit herauszufinden suchte, warum die Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Haß, Rachedurst, Ressentiment – solche Gefühle wären verständlicher. Elias war Jude, entstammte einer begüterten Breslauer Familie jener bürgerlichen Kaufmanns- und Fabrikantenschicht, die sich nicht vorstellen konnte, der längst spürbare Antisemitismus werde ihnen ans Leben gehen. 1938 besuchten ihn die Eltern in Londoner Exil. Vergeblich versuchte er, sie zum Dableiben zu überreden. Die Mutter starb im KZ.

Als ich ihn kurz vor seinem 90. Geburtstag in Amsterdam besuchte, wo er seit vielen Jahren lebte und einen Kreis von Freunden und Soziologen gefunden hatte, fragte ich ihn, ob er nicht manchmal Haß gegen die Deutschen empfinde: "Nein, Haß ist kein schönes Gefühl, man verschlimmert ja alles, wenn man sich da hineinkniet." Und das Resümee seines Lebens? Er habe erlebt, sagte er, wie die Freunde an seiner Seite getroffen wurden von Tod und Vertreibung. Und wie fühlt man sich nach alledem? "Das kann ich Ihnen genau sagen, ich fühle mich wie der Reiter überm Bodensee." – "Am andern Ufer angekommen?" – "Am andern Ufer angekommen."

Schon früh hat er aus dem, was ihm aufgezwungen wurde, eine Tugend gemacht. "Manchmal ist es nützlich, um die Tagesfragen besser zu verstehen, sich in Gedanken ganz von ihnen zu entfernen und dann gleichsam aus der Distanz langsam wieder zu ihnen zurückzukehren", schrieb er in seinem Buch "Humana conditio". Die Distanz war sein Schicksal. "Ich gehöre nicht dazu" – wie ein Refrain kehrt diese Zeile in dem Gedicht "Die Nacht der braunen Furcht" wieder.

Es war sein Refrain. Er gehörte nicht dazu, als er 1936 sein großes Werk "Über den Prozeß der Zivilisation" schrieb, das 1939 veröffentlicht wurde, ohne die Öffentlichkeit zu erreichen. Er gehörte nicht dazu, als er in der Pariser Emigration Walter Benjamin um eine Rezension bat und als dieser, weil Elias unmarxistisch argumentierte, kalt ablehnte. Er gehörte nicht dazu, als er sich in England um eine Dozentur bemühte und mehr als zehn Jahre als Volkshochschullehrer verbrachte, schließlich in Ghana lehrte. Erst 1976, als die Taschenbuchausgabe vom "Prozeß der Zivilisation" erschien, kam der Durchbruch. Mehr als hunderttausend Exemplare wurden verkauft, es galt als sein Hauptwerk. Über diese Einschätzung hat er sich immer geärgert, denn es ist ja nur ein Buch von vielen, und er selbst fand damals im Gespräch "Die höfische Gesellschaft" wichtiger.

Nie kam von ihm ein Wort der Bitterkeit oder der Beschwerde. Dieser alte Mann in seinem Skipullover, diese etwas gebeugte, aber kräftige Gestalt mit dem imponierenden Schädel schien eine nie nachlassende Präsenz und einen strahlenden Gleichmut zu besitzen. Selbst mit seinen neunzig Jahren noch und trotz nachlassender Augen- und Ohrenkräfte wirkte er kerngesund und im Zentrum seiner Arbeit. "Die klassische Philosophie ist kognitiv völlig wertlos", sagte er in Amsterdam. Manche seiner Äußerungen klangen überaus selbstbewußt. Sie verrieten das Selbstbewußtsein eines Mannes, der, um zu überleben, an sich selber glauben mußte, weil das sonst niemand tat. "Die Realität der Welt", hat er einmal gesagt, "sei es die Naturwelt, sei es die Menschenwelt, entspricht nicht unseren Wünschen. Man darf also, um sie in den Griff zu bekommen, nicht von den eigenen Wünschen ausgehen."

Der niederländische Soziologe Johan Goudsblom hat von der "Strategie der Begriffsvermeidung" bei Elias gesprochen. Unsere Kenntnis über Naturprozesse und also unsere Naturbeherrschung ist groß, weil wir hier zu distanzierter Beobachtung fähig sind. Unsere Kenntnis über gesellschaftliche Prozesse und also die Selbstbeherrschung ist gering, weil immer noch Furcht, Selbsttäuschung, Blindheit und Wunschphantasien unsere Beobachtung behindern. Die meisten Begriffe sind davon besetzt. Fortschritt, Individuum, Zivilisation sind ideologische Vokabeln, die Elias zu vermeiden sucht. Das Individuum als zeitloses und ortloses Wesen ist ein schlechtes Gedankenkonstrukt, weil der Mensch Teil einer doppelten Bewegung ist, der historischen und der gesellschaftlichen. So ist Elias Materialist, was die Bedingtheit unseres Daseins betrifft, und er interessiert sich für unsere Eßgewohnheiten ebenso wie für das Fußballspielen und unseren Umgang mit der Zeit. Aber mit Marx hat er nichts im Sinn. So ist er Psychologe, wenn er schildert, wie im Prozeß der Zivilisation die Fremdzwänge durch Selbstzwänge ersetzt werden, wie die äußere Freiheit wächst und die innere abnimmt. Aber mit Freud hat er nichts im Sinn. Und die Frage, ob am Ende dieses Prozesses der Gewinn oder der Verlust größer sei, nennt er eine "Nullfrage", nämlich sinnlos, weil es kein Ende des Prozesses gibt, auch keinen Fortschritt.