Von Peter Christ

An dramatischen Prognosen hat es wirklich nicht gefehlt. Deshalb kann niemand behaupten, von der tiefen Krise, in die nun die Wirtschaft der DDR stürzt, überrascht zu sein. Symptome des raschen Niederganges im deutschen Osten waren schon lange vor der Währungsunion erkennbar, jetzt gewinnen sie so alarmierende Dimensionen, daß auch die Bundesregierung aufschreckt und ihre Macht durch schnelle Neuwahlen zu retten sucht.

Die Zahl der Arbeitslosen in der DDR hat sich in den ersten vier Wochen der Währungs- und Wirtschaftsunion nahezu verdoppelt. Zu den Ende Juli offen ausgewiesenen 272 000 Arbeitslosen, davon mehr als die Hälfte Frauen, kommen gut 656 000 Kurzarbeiter, von denen etwa die Hälfte null Stunden pro Woche arbeitet, tatsächlich also arbeitslos ist. Insgesamt liegen in den Arbeitsämtern schon Anzeigen über Kurzarbeit für fast 847 000 Arbeitnehmer vor. Die Zahl der offenen Stellen ging um ein Drittel zurück, die Arbeitsämter in der DDR können nur noch knapp 28 000 Arbeitsplätze anbieten. Allein aus dem Großraum Berlin, so hat Arbeitsministerin Regine Hildebrandt festgestellt, pendeln 150 000 DDR-Bürger in den Westen, um dort zu arbeiten. Die Beschäftigungskrise in der DDR greift also allmählich auf West-Berlin und die Bundesrepublik über. Der Aussiedlerstrom, der mit der Währungsunion gestoppt werden sollte, ist dabei, eine andere Gestalt anzunehmen.

Im August wird sich das Tempo des Niederganges der DDR weiter beschleunigen. Denn die Ostberliner Treuhandanstalt, die 8000 ehemalige Betriebe verwalten, privatisieren und, wo möglich, sanieren soll, hat kein Geld mehr, um alle Firmen über Wasser zu halten. Ihr Bürgschaftsrahmen von zehn Milliarden Mark, mit dem sie Bankkredite an illiquide Firmen sichern wollte, sollte für die zweite Hälfte dieses Jahres reichen. Tatsächlich floß das Geld schon im Juli ab, weil die Not der Betriebe viel größer als kalkuliert ist. Deshalb will die Treuhandanstalt, die im Juli die Kreditwünsche der Betriebe ohnehin nur zu 41 Prozent erfüllte, das Geld nicht mehr flächendeckend mit der Gießkanne verteilen. Nur noch Unternehmen mit echten Überlebenschancen sollen künftig Bürgschaften bekommen.

Schon im Juli reichten die Liquiditätsspritzen der Treuhand nicht aus, um den Wirtschaftskreislauf in der DDR zu stabilisieren. Die Betriebe konnten mit dem Geld aus Ost-Berlin gerade die Löhne, aber nicht mehr andere Verbindlichkeiten zahlen. „Dies ist ein Land der unbezahlten Rechnungen“, klagte Reiner Maria Gohlke, neuer Präsident der Treuhandanstalt.

Typisch ist das Beispiel des Kameraherstellers Pentacon in Dresden. Das traditionsreiche Unternehmen (Marke Praktica) hat mit Hilfe des Münchner Unternehmensberaters Klaus Hoefer ein Sanierungskonzept entwickelt, doch die Treuhand verbürgte für Juli nur 6,8 statt der beantragten 16,6 Millionen Mark Kredit. Daraufhin mußten 5500 der insgesamt 5700 Beschäftigten mit null Wochenstunden in Kurzarbeit geschickt werden. Berater Hoefer verglich diese Hilfe mit einem halben Rettungsring für einen Ertrinkenden.

Die Gemeinden der DDR stehen vor dem Kollaps. Mit den Kommunalwahlen im Mai haben sie zwar nach vierzig Jahren „demokratischem Zentralismus“ ihre Selbstverwaltung wiedererlangt. Nur – sie haben kein Geld, das sie verwalten könnten.