Dezember 1989. Irgendwo im Hochland des iberischen Randgebirges, im nördlichen Spanien, nähert sich ein Mann seinem Schreibziel. Das ist ganz konkret zu verstehen: Ein Schriftsteller ist auf dem Weg zu einem Ort, an dem er schreiben will, und er bewegt sich im Geist auf den Gegenstand zu, über den er schreiben will. Beides steht für ihn seit längerem fest: Der Ort wird Soria sein, die kleine hochgelegene Hauptstadt der gleichnamigen kastilischen Provinz, und der Gegenstand die Jukebox, jenes altmodische Gerät, mit dessen Hilfe sich in Bars und Cafés die Gäste früher ihre Musik gewissermaßen selbst auflegen konnten – der Mann will sich über die Bedeutung der Jukebox „in den verschiedenen Phasen seines nun schon lange nicht mehr jungen Lebens“ klarwerden.

Eine Erzählung über die Jukebox? Geschrieben Ende 1989? Gibt es für einen bedeutenden Schriftsteller deutscher Sprache zur Zeit kein gewichtigeres Thema?

Peter Handke, der hinter dem Er dieses Buches deutlich sichtbar wird, fragt es sich selbst; er macht seinen Erzähler, den „Reisenden“ ohne Namen, zum Sprachrohr schriftstellerischer Skrupel. Je mehr der sich nämlich Soria nähert, desto „nichtiger“ kommt ihm der Gegenstand „Jukebox“ vor. „Gab es in der Jetztzeit, da jeder neue Tag ein historisches Datum war, jemand Lächerlicheren, jemand Verrannteren als gerade ihn?“

Dermaßen verzahnt hat sich bei Handke die reale Schreibsituation mit der Erzählung niemals zuvor. Und wenn dieser Autor eine Jahreszahl in seine literarische Welt einläßt, dann muß sie ihm wirklich wichtig sein, und in einem ruhigen schönen Bild beschwört er jenen politischen Umbruch, fern im Osten: „Zu Ende ging gerade das Jahr 1989, da in Europa von Tag zu Tag und von Land zu Land so vieles, und so wunderbar leicht, anders zu werden schien, daß er sich vorstellte, jemand, eine Zeitlang ohne Weltnachrichten gewesen, zum Beispiel freiwillig eingeschlossen in ein Forschungswerk oder nach einem Unfall monatelang ohne Bewußtsein, würde dann beim Lesen der ersten Zeitung diese für eine Sonderausgabe halten, worin fingiert war, die Wunschträume der geknechteten und getrennten Völker des Kontinents seien über Nacht Tatsachen geworden.“

Allerdings wäre Handke nicht der eigensinnige Künstler, als der er sich, Jahrgang 1942, nun bald seit einem Vierteljahrhundert erweist, wenn er – oder sein fiktionaler Mittelsmann – gar zu kleinlaut auftreten würde. Einige Wochen bevor die Erzählung einsetzt, ist der Reisende von einem Bekannten aufgefordert worden, mit „zur auf einmal offenen Mauer“ zu kommen und darüber zu schreiben. Instinktiv sei er davor zurückgescheut und habe, so wird nicht ohne spöttischen Unterton hinzugefügt, sofort das Bild vor Augen gehabt, „schon am nächsten Morgen werde in der einschlägigen staatstragenden Zeitung, ordentlich gerahmt, die erste Gedicht-Lieferung der poetischen Geschichtszeugen stehen“.

Nein, ein solch literarischer Zulieferer, ein poetischer Geschichtszeuge will und wird Handke nicht sein, nicht, solange er „eine Tätigkeit wie sein Bilder-Erfühlen und das entsprechende Wort-Setzen, die so viel Abgeschiedenheit benötigte“, pflegt. Für seine Verhältnisse freilich ist das, was man Zeitgeschehen nennt, nachhaltig in jene Welt eingedrungen, in der Zeit und Geschehen anderen Gesetzen, denen des Schreibens und des Erinnerns, gehorchen. Auch für ihn, den Erzähler „mit seiner Herkunft aus der Geschichtslosigkeit“, ist dieses Jahr 1989 „das Jahr der Geschichte“.

Ankunft in Soria. Ein auf den ersten Blick enttäuschender Ort, der dem Erzähler den Eindruck einer zum Überdruß bekannten mitteleuropäischen Kleinstadt macht. Hier will er schreiben? Die Entscheidung für diese Stadt ist im Frühjahr gefallen, als er Spanien überflogen und im Flugzeug einen Bericht über Soria gelesen hat. Fasziniert hat ihn dabei vor allem die Bemerkung, die Stadt sei der stillste und verschwiegenste Ort der ganzen Halbinsel, „fernab der Verkehrswege, seit geradezu einem Jahrtausend fast außerhalb der Geschichte“.