Von Petra K. Kelly

BONN. – Wenn ich „Tibet“ sage, meine ich das Land auf dem Dach der Welt in den Grenzen von 1949, also bis zur völkerrechtswidrigen Besetzung durch China. Es ist mit 2,2 Millionen Quadratkilometern so groß wie Westeuropa und von etwa 6,5 Millionen Tibetern bewohnt. Ich meine nicht die heute der Welt als „Tibet“ präsentierte sogenannte autonome Region dieses Namens, nur rund 1,1 Millionen Quadratkilometer umfassend, auf denen knapp 1,5 Millionen Tibeter von einer weit größeren Zahl chinesischer Einwanderer zur Minderheit im eigenen Land gemacht wurden.

Hintergrund dieses seltsamen Schrumpfungsprozesses ist der von China nach 1949 an Tibet vollzogene Landraub, mit dem vom ursprünglichen Tibet die beiden östlichen Provinzen Amdo und Kham unter anderen Namen China einverleibt wurden, während die dritte, westtibetische Provinz U-Tsang den irreführenden Namen „autonome Region Tibet“ erhielt. Er hat freilich mit der allgemein üblichen Bedeutung dieses Begriffs nichts zu tun. Bei diesem Rest-Tibet handelt es sich gleichfalls um ein aller Rechte beraubtes, von China seit nunmehr vierzig Jahren vergewaltigtes Land, dessen tibetische Bevölkerung von physischer Vernichtung bedroht ist.

Was mag die Welt veranlaßt haben, ausgerechnet im Jahrzehnt der Entkolonialisierung im Falle Tibet einer gegenläufigen Entwicklung stillschweigend zuzusehen? Vielleicht war es die Tragik der Tibeter, daß ihr Schicksal nicht eingebettet war in die große Ost-West-Auseinandersetzung, die damals fast alles bestimmte. Daß es die „guten“ chinesischen Kommunisten waren, die sie überwältigten, nicht die „bösen“ sowjetischen, gegen deren Landnahme westlicher Protest kaum ausgeblieben wäre.

Gegen Chinas Willkürherrschaft in Tibet hat es so gut wie keinen Protest gegeben. Dabei sind die grausamen Tatsachen des in Tibet von China begangenen Völkermords wohl bekannt. Mehr als eine Million Tibeter sind ihm bisher zum Opfer gefallen. Hunderttausende konnten ihr Leben nur durch die Flucht ins Ausland retten. Mit Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen großen Stils wird die tibetische Bevölkerung weiter reduziert. Durch die systematische Zerstörung fast aller Klöster wurden die Tibeter der Zentren ihres geistigen und religiösen Lebens beraubt. Eingriffe in das traditionelle Gleichgewicht von Landwirtschaft und Viehzucht hatten Mißwirtschaft und vorher nicht gekannte Hungersnöte zur Folge. Die Ausplünderung der reichen Bodenschätze, die Vernichtung des Tier- und Baumbestands, die Militarisierung der einstigen Friedenszone in Zentralasien und ihr Mißbrauch als Atommüllager und Stationierungsgebiet chinesischer Atomraketen setzen weitere Eckdaten für die gnadenlose Ausmerzung einer der ältesten Hochkulturen unserer Erde.

Wenn die Welt all dem weiterhin schweigend zusieht, bleibt Tibet zum Untergang verurteilt; dann gibt es für das tibetische Volk keine Überlebenschance. Es gilt daher, dieses Schweigen zu durchbrechen und Solidarität mit Tibet ebenso zu mobilisieren wie den nachdrücklichen Protest der Welt gegen die chinesische Tibet-Politik. Unsere internationale Tibet-Anhörung in Bonn vom April 1989 war ein erster Hilferuf. Er ist von anderen Tibet-Konferenzen in Neu-Delhi, Kopenhagen, Den Haag, Brüssel, Dharamsala, Tokio und London aufgegriffen und verstärkt worden. Auch die Verleihung des Friedensnobelpreises 1989 an den im nordindischen Exil lebenden Dalai-Lama hat sehr dazu beigetragen, das Schicksal Tibets in Erinnerung zu rufen. Der Mut des ersten frei gewählten Präsidenten der ČSFR, Václav Havel, den Dalai-Lama als obersten Repräsentanten eines immer noch unterdrückten Volkes im Februar 1990 trotz aller chinesischen Proteste nach Prag einzuladen, hat jene westlichen Staatsoberhäupter beschämt, die mit Rücksicht auf China jeden Kontakt mit dem geistigen und religiösen Oberhaupt der Tibeter bisher peinlichst vermieden haben.

Nur wenn diese Rücksicht endlich von der Überzeugung abgelöst wird, daß Schweigen Mitschuld bedeutet, gibt es für Tibet und die Tibeter in letzter Minute noch eine Chance. Die Chance nämlich, in konstruktiven Gesprächen Pekings mit der tibetischen Exilregierung von Toleranz und Humanität bestimmte Lösungen für eine lebenswerte, selbstbestimmte Zukunft Tibets zu finden. Die Bereitschaft zu solchen Lösungen muß von China endlich unnachgiebig und konsequent und ohne Rücksicht auf Wirtschaftsinteressen gefordert werden. Anders wird Tibet der Welt nicht erhalten bleiben.

  • Petra K. Kelly ist Mitglied des Deutschen Bundestages in der Fraktion Die Grünen.