Von Jörg Albrecht

Ganz so glücklich sah John Gummer nicht aus, als er vor die laufenden Fernsehkameras trat und in einen Hamburger biß: Britisches Rindfleisch sei immer noch sicherer als Sex, versicherte er anschließend seinen Landsleuten. Der Vergleich war denkbar schlecht gewählt – seit dem heroischen Selbstversuch ihres Landwirtschaftsministers sind noch mehr Engländer davon überzeugt, daß der "Rinderwahnsinn" ihr Leben bedroht wie Aids.

Ganz so glücklich sah auch der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Weiser nicht aus, als er vergangene Woche verkünden mußte, daß man sich dazu entschlossen habe, 1 200 Schafe zu schlachten. Zu Lebzeiten hatten sie das Gras auf dem Schwenninger Flughafengelände kurz gehalten, nach ihrem Tod galten sie als Sondermüll. Zum ersten Mal nach vier Jahrzehnten war in Deutschland bei einem Schaf ein Fall von Traberkrankheit aufgetreten, und daraufhin hatten die Veterinäre mit deutscher Gründlichkeit kurzerhand die ganze Herde eliminiert. Eine Gefährdung des Menschen durch die Schafsseuche sei, so meinte der Minister, praktisch ganz ausgeschlossen.

Bei solchen Tönen wird auch der deutsche Verbraucher mißtrauisch: Ein Risiko Null kann es nicht geben. Tatsächlich hat sich der Minister weit vorgewagt auf ein äußerst mysteriöses Gebiet der Wissenschaft. Denn die Erreger sowohl der Bovinen Spongiformen Enzephalopathie (BSE) beim Rind als auch der international Scrapie genannten Traberkrankheit beim Schaf geben den Tiermedizinern Rätsel auf. Beide gehören weder zu den Bakterien noch zu den Viren, den Pilzen, Sporen, Würmern oder sonstigen Krankheitserregern, sondern zu einer neuartigen Klasse, die es nach den anerkannten Gesetzen der Biologie eigentlich nicht geben dürfte.

Beide Krankheitskeime vermehren sich, obwohl sie, nach allem, was feststeht, kein Erbgut besitzen. Wie sie das tun, ist vollkommen unklar. Eine Diagnose am lebenden Tier ist zur Zeit nicht möglich. Eine Therapie erst recht nicht. Ob sie ansteckend sind, ist ungewiß, aber beim Schaf sehr wahrscheinlich und beim Rind nicht auszuschließen. Beide Erreger können acht Jahre und länger im Tier schlummern, ehe die tödliche Krankheit ausbricht – eine extrem lange Latenzzeit, die fatal an die Immunschwäche Aids erinnert.

So bleibt zur sicheren Ausrottung beider Krankheiten eigentlich nur die radikale Lösung übrig, wie sie der britische Mikrobiologe Richard Lacey von der Universität Leeds vorgeschlagen hat: alle verdächtigen Herden notzuschlachten. Das wären in Großbritannien rund sechs Millionen Rinder, bei den augenblicklich gezahlten Entschädigungen von durchschnittlich 700 Pfund pro Tier ein Programm, das umgerechnet mehr als zehn Milliarden Mark kosten würde. Daß die Kadaver auf keinen Fall als Tierfutter in den Nahrungskreislauf zurückkehren dürften, liegt auf der Hand. Denn auf dem umgekehrten Wege wurde die Seuche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vom Schaf auf das Rind übertragen. Mangelhaft sterilisierte Schafsabfälle wurden aus rein kommerziellen Überlegungen an Rinder verfüttert. Andere Infektionsquellen kommen nicht in Frage. Molekularbiologische Untersuchungen haben gezeigt, daß der Scrapie-Erreger bei den Schafen mit dem BSE-Erreger der Rinder eng verwandt, wenn nicht sogar identisch ist.

Darin liegt das wirklich Beunruhigende dieser seltsamen Krankheiten: daß sie offenbar von einer Art auf die andere überspringen können. Fälle von Scrapie wurden früher schon bei Nerzen beobachtet, die in Farmen massenhaft gezüchtet und mit Schlachtabfällen gefüttert werden. In Großbritannien hat es bereits mehrere Fälle von "Katzenwahnsinn" gegeben. Scrapie läßt sich im Labor durch Verfütterung oder Injektion befallener Gewebsproben mühelos in Mäusen oder Hamstern hervorrufen, und diese Nagetiere waren es auch, die in den vergangenen Jahrzehnten das Studium der Krankheit ermöglicht haben. Die Frage ist also mehr als berechtigt, ob irgendwann der Mensch an der Reihe ist.