Von Manfred Sack

Natürlich kann man die Geschichtsvernarrtheit in Stadt und Land verstehen – erst die Zerstörungen durch den Bomberkrieg, dann die Zerstörungen durch die wiederaufbauenden Erneuerer in der Nachkriegszeit. Soeben kommt die Nachricht, fünfzehn Prozent aller Gebäude in der Bundesrepublik genössen den Schutz der Konservatoren. Man kann es sich kaum vorstellen: Jedes siebente Haus ein Baudenkmal! „Machen Sie es nicht zu schön“, sagt in einer Karikatur des New Yorker der Bauherr zu seinem Architekten, „ich möchte nicht, daß sich meine Nachfolger eines Tages mit dem Denkmalschutz herumschlagen müssen.“

Und nicht genug damit, daß das, was steht und uns heilig ist, vor Verfall und Verunstaltung geschützt wird, werden nun immer mehr als historisch empfundene, aber seit Jahrzehnten aus dem Blick verschwundene Gebäude neuerlich errichtet, zum zweitenmal, gleichsam aus dem Nichts hervorgeholt und oft mit mehr Liebe rekonstruiert als existierende Gebäude, die unsere Pflege dringend notwendig hätten, erhalten. Wer derlei Mut und Übermut vorausgesagt hätte, als das Jahr 1975 zum europäischen Denkmalschutzjahr ausgerufen wurde, wäre ausgelacht worden: Reklamerummel. Und wie wurde darüber gespottet! Heiße Luft – pff, schon verweht...

Nichts da. Es hat gesessen. Und es wirkt unvermindert weiter. Wo einst Courage dazu gehörte, ein gewöhnliches, aber historisch – oder einfach für unser Dasein – bedeutungsvolles Haus vor der Neubauwut von Behörden und Spekulanten (und der Neubaulust der Architekten) zu retten und ordentlich herzurichten, verlangt es heute Mut, ein Bauwerk seiner natürlichen Genese zu überlassen, ihm sein langes, langsames Sterben zu gönnen und dabei zuzuschauen, wie die Natur es zu sich holt – oder der Baumarkt sich das morsche Stück schließlich nimmt, kurzum: einem Bauwerk seine endliche Existenz zu erlauben – auch als Ruine, es also auch verfallen zu lassen oder, wo uns das wichtig ist, es als Ruine zu konservieren.

Es gibt solche Fälle, ebenso wie es ungleich mehr gibt – oder, wie nun in der DDR, sogar ganze vom Verfall bedrohte, wundervolle Altstädte –, die zu bewahren uns das historische Gewissen auferlegt und unser Seelenwohl verlangt. Charakteristische alte Gebäude, was immer sie uns wichtig macht – und das ist beileibe nicht immer nur ihr künstlerischer Wert –, sind selbstverständlich keine x-beliebige Manövriermasse. Wir haben unsere Denkmalschutzgesetze doch dank der Einsicht, daß die anschauliche Gegenwärtigkeit unserer Vergangenheit nicht nur kultur-, sondern lebensnotwendig ist. Inzwischen aber sollten wir auch gelernt haben, daß nicht jedes alte Haus, nur weil es alt ist, mit stupider Konsequenz (und aus Mißtrauen gegen die zeitgenössische Architektur) erhalten oder wie ein Leichnam einbalsamiert werden muß. Manchmal legt es der Respekt vor der Geschichte, vor der Zeit sogar nahe, uns zum Verfall zu bekennen – zur Ruine.

Da ist zum Beispiel die alte Brücke in Stein an der Traun, eine schöne, in Würde gealterte, Würde ausstrahlende steinerne Bogenbrücke, die zu sanieren der Denkmalpfleger nun eine Million Mark verlangt, „obwohl sie“, wie man lesen konnte, „nicht mehr genutzt werden kann“. Es braucht sie ja auch niemand mehr, denn längst ist nebenan eine neue Straßenbrücke über den Fluß geschlagen worden. Gleich, ob der Neuling das Auge freut, kränkt oder längweilt oder nur dem motorisierten Verkehr zu Gefallen ist: warum die schöne alte Brücke nicht mit Anstand altern lassen, sich selbst überlassen, ihr den Ruhestand erlauben, ein Verkehrsbauwerk a. D.?

Käme denn irgendein Narr auf die wunderliche Idee, die Ponte Rotto im Tiber zu Rom zu „sanieren“, womöglich komfortable Stege zu ihr zu führen, damit sie nicht bloß so herumsteht – und womöglich für teures Geld –, sondern zu etwas nütze ist? Wer wollte den Vorschlag wagen, das Colosseum zu rekonstruieren, um es wieder benutzbar, wieder rentabel zu machen, weil die Konservierung der Ruine den Fiskus ruiniere? Blanker Wahnwitz?