Auf der Flucht vor dem Alltag und auf der Suche nach immer neuen Attraktionen zieht eine Heerschar von Touristen los

Es war zu Beginn der sechziger Jahre, als droben in der Bergen Mensch und Murmeltier die Scheu vor den Fremden verloren und anfingen, zwecks leichteren Broterwerbs Männchen vor den Touristen zu bauen. Es brauchte knapp zwanzig Jahre, bis das höher begabte Wesen begriff, daß der Tourismus, von dem inzwischen fast alle lebten, dabei war, das zu zerstören, was bislang als sein Kapital gegolten hatte: die Natur, die eigene Kultur und die Gemeinschaft.

Es begann, zuerst vereinzelt, der „Aufstand der Bereisten“, wie der Schweizer Tourismusforscher Jost Krippendorf das neue Phänomen in den Alpen nannte. „Sie tun zwar immer noch fast alles, damit die Touristen kommen“, ergänzt die Tourismuskritikerin Jeanne Hersch, „aber sie möchten eigentlich alles tun, um sie am Kommen zu hindern“ – vor allem die Tagestouristen.

Jetzt hat die Alpinrevolte gegen die knauserigen, Unrat hinterlassenden Bus- und Pkw-Touristen auch aufs Flachland übergegriffen. Sie erobert Burgen und Schlösser, nimmt Städte ein und ergreift selbst ganze Ferienregionen und Naturparks. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung stöhnt beispielsweise Neuschwansteins Schloßverwalter Julius Desing: „Wenn das so weitergeht, bricht hier alles zusammen.“ Das gilt ebenso für Herrenchiemsee und Linderhof, aber auch für die Kaiserburg in Nürnberg oder das Residenzschloß in Würzburg. Die Städte Venedig und München, Amsterdam und London zum Beispiel würden am liebsten Bannmeilen um ihre City ziehen – gegen die Fremden und die von ihnen ausgelösten Blechlawinen. Und Pariser Wirte im Einklang mit ihren Stammgästen verfluchten schon 1988 im gallischen Zorn die teutonische Sommerflut. Die Bodenseeregion erstickt im Fremdenverkehr wie auch das Oberallgäu. Ein amerikanisches Disneyland-Phänomen breitet sich rund um die Welt aus, das auf der simplen Erkenntnis beruht: Der Tourist unterhält sich nicht selbst, er will unterhalten werden und ist bereit, dafür Geld auszugeben.

Reize, immer neue Reize, sind deshalb die Schlüsselworte für den Urlaub im allgemeinen und den schnellebigen und genußsüchtigen Tages- und Wochenendtourismus im besonderen. Neue Reize – das erklärt auch, warum Städte, Orte, Regionen und Sehenswürdigkeiten mit den höchsten Kultur-, Natur-, Amüsier- und Shoppingattraktionen die größten Besuchermassen der Kurzausflügler anziehen. Paradebeispiel München: Theater, Museen, Biergärten und Einkaufsmeilen vereinen sich vor einer nicht allzu fernen, großartigen Bergkulisse zu einem schier unwiderstehlichen touristischen Angebot.

Ein Ende des vor allem an Wochenenden ausbrechenden „mobilen Wahnsinns“ (Der Spiegel) ist allerdings nicht in Sicht. Im Gegenteil. Ein Indiz dafür liefern die Zahlen der jährlich erhobenen Reiseanalyse des Studienkreises für Tourismus, Starnberg. Die Zahl der Kurzurlaubsreisen (Dauer: zwei bis vier Tage) ist seit 1986 kontinuierlich gestiegen – von 15,3 Millionen auf 19,1 Millionen im Jahr 1989. Dazu addieren sich Millionen nicht erfaßter privater Tagesausflüge.

Was aber sind die Gründe für dieses programmierte Chaos, in das sich Hunderttausende scheinbar spontan, unkontrolliert und auf immer gleichen Straßen und Bahnen stürzen? Auslöser, so lautet eine Erklärung der Psychologen, ist ein Gesellschaftsgefühl, das Mitte der achtziger Jahre auftauchte und zu Beginn der neunziger Jahre die unbestreitbare Führungsposition im Gefühls- und Sozialleben der Deutschen beansprucht. Es kann mit zwei Worten beschrieben werden: Lifestyle und Hedonismus. Beide Begriffe lösen egomanische Reaktionen aus: Befriedigung der (Reise-) Wünsche möglichst sofort – je toller, je lieber. Wie in allen Trend- und Modebereichen ist auch hier die deutsche Mittelklasse Vorbild, die, so der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, „soziologisch und kulturell“ die „unangefochtene Hegemonie“ in der Republik ausübt, eine Hegemonie des Mittelmaßes. Mittelmaß aber schafft große Zahlen – auch im Tourismus.