Dreizehn bis siebzehn Jahre seiner Lebenswachzeit - wenn man von sechzehn Wachstunden pro Tag ausgeht - verbringt der Mensch beim Essen (und Trinken); das sind 75 000 bis 100 000 Mahlzeiten. Was und wie er ißt, gibt Aufschluß über seine kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Situation.

Ursprünglich war Kochen eine magische Kunst, eine Ansammlung von Riten, die dazu bestimmt waren, das zu entweihen, was der Mensch mit Erlaubnis der Götter zu sich nehmen wollte "Selbst im elementarsten Bereich spielt die Kultur eine Rolle: die Tageszeiten, zu denen die Mahlzeiten eingenommen werden, die weder durch Zufall noch durch Notwendigkeit festgesetzt sind, die je nach Jahreszeit üblichen bevorzugten oder abgelehnten Speisen, die Getränke zum Essen, die Art und Weise des Verzehrs, der Platz der Frauen, Kinder und Alten, die Tischgespräche, selbst das Schweigen bei Tisch. All dies sind Elemente eines bestimmten kulturellen Kontextes "

Leon Moulin hat dem Essen und Trinken in Europa ein opulentes, das heißt üppig ausgestattetes Buch gewidmet; es werde, heißt es im Waschzettel, sicherlich allen Feinschmeckern gefallen. Nun sind aber - die Kulturgeschichte des Essens zeigt dies an vielen Beispielen - die "Geschmäkker" sehr verschieden. Wer vor allem die ästhetische Auf- und Zubereitung liebt, kommt zweifellos bei diesem Band auf seine Kosten. Eine große Zahl von Bildern, Stichen, Miniaturen, Buchauszügen illustriert die Thematik - vom Schinkenessen bis zum Leichenschmaus, vom Austernessen bis zum "Fest der Blutwurst" (in Königsberg Preußen). Das Kulinarische schließt Tizians "Venus von Urbino" ein, darauf hindeutend, daß in jeder Kultur eine Verbindung zwischen Essen und Liebesspiel, Enthaltsamkeit und Keuschheit hergestellt wird. Sine Baccho et Cerere friget Venus (ohne Bacchus und Ceres bleibt Venus kalt). Darauf aufbauend, haben Kirche und Moralisten die Verbindung zwischen dem Fleisch der Tiere und dem sündigen "Fleisch" betont.

Im kollektiven Unterbewußtsein waren die Vorstellungen von Schlemmereien und Lust seit jeher eng miteinander verknüpft. In den französischen Provinzen wurde das Schlachten von Schweinen mit einem großen Festmahl und einer (zumindest verbal) zügellosen Erotik verbunden. Den Frauen waren das Kochen, die Feuchtigkeit und die Hitze vorbehalten, den Männern das Salzen, die harte Arbeit und die Trockenheit. Das Salzfaß (zum Pökeln) ist die Gebärmutter, in der das Fleisch langsam heranreift, Würste sind offensichtlich phallische Objekte "Levi Strauß zeigt deutlich, wie und weshalb die Suche nach Honig bei den Völkern ohne Geschichte eine Art Rückkehr zur Natur darstellt, mit einer erotischen Anziehungskraft, die von der sexuellen Ebene auf die Ebene der Geschmacksempfindungen übertragen wurde. Ob unterdrückt oder ausgelebt, beide Ebenen sind nicht voneinander zu trennen Auch in der Sprache, vor allem in der Umgangs- und Gaunersprache, wimmelt es von Begriffen aus dem Bereich des Essens und Trinkens für Sexuelles. Im Französischen zum Beispiel les miches (Brotlaibe - die weibliche Brust), les oignons (die Zwiebeln - die Hoden), aller a ux fraises (eigentlich: in die Erdbeeren gehen - sich lieben). Damit ist fast der gesamte Inhalt des Kurzkapitels "Tisch und Bett" bei Moulin schon referiert. Die Häppchen Methode, die das Buch charakterisiert, ist durchaus anregend; sie vermittelt viele Fakten und Phänomene. Der Mangel an Deutung und Analyse kann aber auch den Appetit verderben; vieles gerät zu anekdotisch, bleibt Genre. Moulins Verfahren zielt auf "Farbigkeitsbedarfsdeckung"; er bietet Augenlust, aber die Ingredienzen, die er kombiniert und arrangiert, sind oft nur Zutaten unter Vernachlässigung der Substanz. Das Kapitel über "das große Abenteuer der Kartoffel" zum Beispiel gibt wichtige Aufschlüsse über die Sprachverwirrung, die diese Pflanze bis ins 18. Jahrhundert hervorrief; geschildert wird, wie die Kartoffel nach Europa kam und wie sie dort aufgenommen wurde; ein Kurzkapitel ist den guten Kartoffelrezepten und eines der Frage "Wer hat pommes frites erfunden?" gewidmet. Fast völlig wird die Bolle der Kartoffel in der Sozialgeschichte als Speise der Armen übersehen, obwohl vorn Bilde her eindrucksvolle Beispiele, Frans Meerts "Der Kartoffel verkauf er", Vincent van Goghs "Die Kartoffelesser" (seitenverkehrt reproduziert!), die Thematik andeuten.

Assoziativ auch die Gliederung des Gesamtbandes: Kochen heißt Vergangenes wiedererwecken; Rationen, Diäten und die Kochkunst von damals; das europäische Abenteuer; Tafelrituale; trinken und trinken sind zweierlei; auf dem Wochenmarkt; fette Zeiten - Fastenzeiten. Vieles paßt zu vielem; irgendwie. Nicht nur diese Beliebigkeit läßt den Rezensenten von einer postmodernen Publikation sprechen, bei der die Verpackung schon einen Teil der Botschaft ausmacht. Doch mag das Bedürfnis, bei einem so spannenden Thema wie Essen und Trinken nicht mit so vielen Appetizern abgespeist zu werden, Ausdruck schwerfälliger Eßgewohnheit sein. Eine konkret gemeinte Bemerkung im abschließenden Kurzkapitel kann da auch metaphorisch abstrakt verstanden werden: "Die Deutschen scheinen eine ausgeprägte Vorliebe für Innereien bewahrt zu haben Und die Franzosen? Dirk Schümer hat kürzlich in einer Besprechung von Michel Onfrays Buch "Der Bauch der Philosophen" (eine kulinarische Philosophiegeschichte) ein Wort von Karl Friedrich von Rumohr zitiert: "Die französische Küche ist also von alters her und gegenwärtig von neuem auf dem Wege der Übermischung "

Ein anderer französischer Autor, Pascal Dibie, hat eine "Kulturgeschichte des Schlafzimmers" vorgelegt. Teil 1: vertikal; Teil 2: horizontal. Das ist mehr lapidar als einleuchtend, denn auch der haben. Jedenfalls beginnt das Buch mit Vermutungen über die erste Lagerstatt (Häuser aus Mammutknochen Die Sexualität unserer Vorfahren Das Erwachen der Zärtlichkeit ). Kurzkapitel um Kurzkapitel (Salomons Schlafgemach Das Mobiliar im Neuen Testament. Die Betten des Odysseus ) schreibt sich der Autor durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart hinein, wobei die "Geschichte des Bettes" vor allem aus Bettgeschichten besteht. Ethnologischer Exotismus und Voyeurismus können sich dabei voll entfalten, etwa wenn der SchlafhausKultur der Muria, eines Volksstammes des ehemaligen Staates Bastar in Zentralindien, fünfzehn Seiten gewidmet werden - wohl weniger, weil ihr Beitrag zur Kultur des Schlafzimmers so wichtig wäre, viel mehr, weil da östliche Sexualmythik, nach der sich europäische Verklemmung seit eh und je sehnt, ausgebreitet werden kann "Das Mädchen selbst löst die seine Scham bedeckende Kleidung, und ein Sprichwort bekräftigt: Die Klitoris lächelt, wenn sie den Penis kommen sieht. Die Frau wird als unersättliches Geschöpf betrachtet. Die Frau ist die Erde, der Mann kann sie nicht pflügen "

Dem Buch sind nur wenige (schlechte) Illustrationen beigegeben; farbig ist jedoch der Sprachstil, mit dem die Details "rund um das Schlafzimmer" ausgebreitet werden. Kulturgeschichtliche Einzelheiten wie Kuriosa sind, wenn sie aus authentischen Quellen geschöpft werden, durchaus interessant; zugleich ermüdet dieses ständige "Ahoi, Matratze, ahoi". Die Masche solcher Kulturgeschichten, der Universalgeschichte einzelne Stränge zu entnehmen und zu einer lockeren Textur zu verarbeiten, ist fragwürdig, weil historische Zusammenhänge durch das Genre ersetzt werden. Auf der anderen Seite kann man "Bettbeschäftigungen" Gewichtigkeit nicht absprechen; eine Statistik der Gesellschaft für Konsumforschung zeigt, daß die Regeneration (SchlafenEssen) vierzig Prozent des Zeitbudgets eines Durchschnittswerktages in Anspruch nimmt.