Die Entlassung der Premierministerin Benazir Bhutto durch Präsident Ghulam Ishaq Khan kam plötzlich, aber nicht völlig überraschend. Schon seit Wochen spitzten sich die Auseinandersetzungen innerhalb des regierenden Mächtedreiecks zwischen Regierungschefin, Präsidenten und Armee zu. Immer drängender wurde das Verlangen der mächtigen Opposition, Regierung und Parlament aufzulösen. Für Oktober sind nun Neuwahlen angesetzt. Aber auch Benazir Bhuttos Vorgänger, General Zia ul-Haq, hatte einst nach seinem Militärputsch Neuwahlen innerhalb von neinzig Tagen versprochen, wie es die Verfassung vorschreibt: Elf Jahre blieb er dann an der Macht.

So unbeholfen Benazir Bhutto mit der Demokratie umgegangen ist, war sie doch die beste Garantin dafür, daß diese langsam im Land Fuß fassen würde. Damit ist es wohl vorbei. Pakistan wird nun zu einem Unsicherheitsfaktor, was Auswirkungen auf die gesamte Region haben kann. Die Opposition, zusammengeschlossen in der Islamischen Demokratischen Allianz, die von den ultraorthodoxen Mullahs bis zu den auf Sicherung ihrer jahrhundertealten Privilegien bedachten Feudalherren reicht, macht aus ihren Absichten keinen Hehl. Sie wünscht mehr Islam, verweigert jedes Gespräch mit Indien im Kaschmir-Konflikt und will für eine größere militärische Unabhängigkeit das pakistanische Nuklearprogramm vorantreiben. Schier unkontrollierbare Konflikte in einer instabilen Region wären die Folge.

Korruption und Vetternwirtschaft sind in Südasien selten ein Anlaß, eine Regierung zu entlassen. Daß Ishaq Khan diese Vergehen dennoch gegen Benazir Bhutto ins Feld führte, ist jedoch ein Hinweis darauf, wie stark sie sich in Pakistan ausgebreitet haben müssen. Der Präsident schob noch weitere Begründungen nach: Unfähigkeit der Regierenden und Bedrohung des Landes durch Aggression von außen und Turbulenz im Innern. Gemeint ist damit zum einen Indien, der Nachbar, mit dem Benazir Bhutto in den Augen der Opposition immer zu versöhnlich umgegangen war. Der andere Vorwurf bezieht sich auf die Krise in der Provinz Sind. Hier hat es seit Jahresbeginn über tausend Tote bei blutigen Auseinandersetzungen zwischen den eingesessenen Sindhis und den bei der Teilung des Subkontinents eingewanderten indischen Moslems, den Mohajirs, gegeben. Die Provinzhauptstadt Karachi glich immer mehr Beirut.

Benazir Bhutto hatte schließlich den Offenbarungseid leisten müssen. Ihre Regierung war nicht mehr in der Lage, das Leben und den Besitz der Bürger zu schützen. Sie holte die Armee und rief damit ausgerechnet jene Institution zu Hilfe, die sich nach Wiederherstellung der Demokratie aus den Geschäften des Staates heraushalten sollte. Die Armee kam Ende Mai, sorgte für Friedhofsruhe und verlangte weitgehende Vollmachten. So sollte die Regierungschefin dem Militär unter anderem die Administration der Unruheprovinz übertragen und die Befugnisse ziviler Gerichte außer Kraft setzen. Benazir Bhutto weigerte sich, ein solches „unerklärtes Kriegsrecht“ zuzulassen. Seitdem verging kaum ein Tag ohne Auseinandersetzungen mit dem Präsidenten und der Armeeführung. Armeechef Mirza Aslam Beg hatte immer unmißverständlicher darauf hingewiesen, daß das Militär wieder eingreifen würde, falls die Regierung der Anarchie untätig zusieht.

Doch wie wird sich das Militär jetzt verhalten? General Beg, dem von seinem Vorgänger Zia ul-Haq praktisch die ganze Macht übertragen wurde, hatte davon nie Gebrauch gemacht. Anders als die Marschälle Tor ihm wollte Beg der Demokratie eine Chance geben. Nur so war Benazir Bhutto nach ihrem äußerst knappen Wahlsieg überhaupt in die Regierung gekommen. Wenn nun der Präsident bei der Entlassung Benazirs auf die innere und äußere Bedrohung des Landes verveist, dann zeigt das, wie sehr hinter den Kulissen die Armee endlich Taten gefordert hat.

Wie erstarrt wirkte diese Regierung, und das brachte Bhutto selbst bei ehemaligen Anhängern den Vorwurf der Inkompetenz ein. Abgesehen Ton den ersten Wochen ihrer Regierung wurden praktisch keine Entschlüsse mehr gefällt. Nichts wurde eingelöst vom anfänglichen Versprechen, „die Erwartungen des Volkes zu erfüllen“. Viel war die Rede von Reformen im Bereich der Erziehung, Frauen, Arbeitsbeschaffung, Gesundheit. Statt dessen verschärfte sich die ethnische Krise und brach die Wirtschaft zusammen. Schwere Auseinandersetzungen zwischen der Hauptstadt und den Provinzen waren an der Tagesordnung.

Zu Benazirs Gunsten sei erwähnt, daß ihr bei Amtsantritt die Hände gebunden waren. Von den 155 Milliarden Rupien Staatseinnahmen in diesem Jahr werden 65 Milliarden für den Schuldendienst und 52 Milliarden für das Militär abgezogen. Da bleibt nicht viel für soziale Reformen. Sie mußte sich zudem auf eine Machtteilung mit einem ihr feindlich gesonnenen Präsidenten einlassen, der jahrelang der zivile Kanzleichef Zias war, und mit einer Armee, die keineswegs so demokratisch denkt, wie ihr Chef General Beg. Bhutto blieb von vornherein keine Chance für eine wirkliche Demokratisierung.