Das Apartheid-System hinterläßt eine drückende Erblast in der Wirtschaft

Von Willem Verbarg

Kaum war Nelson Mandela im Februar aus dem Gefängnis entlassen, erhielt er Besuch von Tony Bloom, Seniorchef der Premier-Gruppe und einer der einflußreichsten Vertreter der südafrikanischen Wirtschaft. Seine Visite bei dem Schwärzen-Führer hatte Bloom auf besondere Weise vorbereitet. Mit ganzseitigen Anzeigen in den großen Zeitungen des Landes klärte das Unternehmen die Leser auf, die Premier-Gruppe habe „immer an vorderster Front der politischen Veränderungen im Land gestanden“. Dann folgte eine lange Aufzählung, wann der Konzern bereits die Aufhebung welcher Apartheidsbestimmung gefordert habe.

In der Tat haben einige große Unternehmen der Kap-Republik lange vor den jüngsten Reformen des Präsidenten Frederik de Klerk auf die Abschaffung der Apartheid hingearbeitet. Schon im Jahr 1985 trafen südafrikanische Wirtschaftsmagnaten in Sambias Hauptstadt Lusaka mit der Exilführung der Befreiungsorganisation African National Congress (ANC) zusammen. Damals hätte ihnen das noch eine Anzeige wegen Landesverrats eintragen können. Doch sie wollten ihr Land nicht preisgeben, sondern – im Gegenteil – aus der Sackgasse führen. Die Apartheidspolitik erwies sich nämlich zunehmend als Wachstumsbremse. Der Markt der weißen Konsumenten war weitgehend gesättigt. An eine erhebliche Exportausweitung war auch nicht zu denken, nicht nur wegen des Wirtschaftsboykotts, sondern vor allem wegen der niedrigen Produktivität der südafrikanischen Industrie.

Die unterdrückten farbigen und schwarzen Arbeitskräfte haben einfach nicht genug Motivation, um sich voll in ihren Job reinzuhängen. Außerdem mangelt es an qualifizierten Fachkräften, so daß sich der Produktionsapparat nur schleppend modernisieren läßt. Zu lange hatte der Apartheidsstaat Schwarzen eine gute Ausbildung verweigert. Mehr und mehr ausländische Geldgeber verloren deshalb das Interesse an Investitionen in der Kap-Republik. Nachdem dann auch noch der Goldpreis in den Keller gesackt war, fürchteten auch die internationalen Banken um ihr Geld und drehten den Kredithahn zu. Nur eine Hoffnung gab es, aus dieser Krise herauszukommen: einen radikalen politischen Neubeginn.

Als dann Präsident de Klerk tatsächlich begann, diesen Umschwung Zug um Zug einzuleiten, war die Verblüffung zunächst groß. Plötzlich schien es nicht mehr ausgeschlossen, daß der ANC schon in absehbarer Zeit die Regierungsmehrheit stellen würde. Davon waren die Widerstandskämpfer selbst wohl am meisten überrascht. Sie hatten sich eher auf einen jahrelangen Guerillakrieg zur Machteroberung eingestellt. Jetzt aber ist der ANC nicht nur eine legale Oppositionsbewegung, die ein paar Forderungen stellen darf, sondern es wird von ihm bereits erwartet, ein detailliertes Konzept für das neue Südafrika in die Verhandlungen mit der Regierung einzubringen. Die Vertreter der Wirtschaft wünschen noch mehr. Sie wollen wissen, wie denn die Wirtschafts- und Finanzpolitik einer künftigen ANC-Regierung aussehen soll. Und sie wollen recht bald Klarheit. Schließlich müßten Investoren täglich entscheiden, ob sie ihr Geld in Südafrika oder anderswo in der Welt anlegen sollen.

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