Der Name Brambilla füllt drei Seiten des Mailänder Telephonbuchs. Signor Brambilla ist der Mailänder schlechthin: tüchtig, realistisch, unsentimental. Und la signora Brambilla? „Das ist die blonde Dame da im roten Kostüm, die gerade über die Straße kommt“, sagen die Frauen an der Kasse des Cafés.

Der enge Corso Magenta weitet sich an der Straßenbahnhaltestelle Santa Maria delle Grazie zu einem autofreien Platz. Im Winkel von Kirche und Refektorium spielen junge Leute Frisbee. Jeden Morgen gegen elf, seit zehn Jahren, überquert die Dottoressa Brambilla den Corso Magenta und trinkt einen Tee in der kleinen Bar. Sie wirkt englisch, aber ist doch gebürtige Mailänderin. Ein langes, blasses Gesicht, kühl blickende Augen, aristokratisch gemessene Bewegungen. Sie gilt als die beste Gemälderestauratorin und Leonardo-Expertin Italiens. Seit 1980 restauriert sie das „Abendmahl“-Fresko im Refektorium der Kirche Santa Maria delle Grazie.

Erhobenen Hauptes bahnt sich die Dottoressa im Refektorium den Weg durch eine Gruppe Japaner, die gebannt nach oben starren: Das Fresko nimmt die ganze Schmalseite des ehemaligen Klosterspeisesaals ein. Die zehn Dominikanermönche, die heute hier leben, haben sich in den hinteren Teil des Klosters zurückgezogen. Sie sind nur Gäste des Hauses, das seit der Zeit Napoleons dem Staat gehört. Dottoressa Brambilla nimmt die Absperrungskette weg, die das Publikum auf etwa zehn Meter Distanz hält, und steigt zum Gerüst hoch. Die zwölf Apostel sind überlebensgroß. Der Arbeitsscheinwerfer erfaßt sie.

Aus der Nähe sieht die Oberfläche aus wie Haut nach einem Sonnenbrand: Die Farbschuppen liegen einzeln auf der Mauer. Leonardo hatte mit unerprobten Temperafarben gemalt, denn er wollte langsamer arbeiten als in der Freskotechnik üblich, bei der man in den nassen Putz malt. Sein Farbexperiment mißlang. Schon 1517, keine zwanzig Jahre nach Vollendung des Bildes, zeigten sich die ersten Schäden. Seit 1726 ist immer wieder daran herumgedoktert worden, dieses ist der siebte Versuch.

Giuseppina Brambilla arbeitet sich Zentimeter für Zentimeter voran – allerdings unterbrochen von oft monatelangen Beratungsphasen. Wie ein Arzt von seinen chronisch Kranken, so lebt sie von dieser bröckelnden Wandfläche, an einen Künstler gekettet, der seit über 450 Jahren tot ist. Sie säubert die Oberfläche von späteren Übermalungen und fixiert auf der Wand, was von Leonardos Hand übrig ist. Sie gleicht Farblücken aus. Sie arbeitet gegen die Zeit, gegen den Verfall, gegen die Geschichte. Das ist ihr Staatsauftrag, gesponsert von Olivetti.

Sie hege eine Haßliebe zu diesem Werk, sagt Signora Brambilla ohne sichtbare Gefühlsregung: „Liebe, weil man sich in jedes Kunstwerk verliebt, mit dem man eng zu tun hat, und weil man dem Maestro auch menschlich immer näherkommt. Haß, weil es eine schreckliche Arbeit ist, die niemals aufhört und einen körperlich und geistig streßt.“ Wie hält sie das all die Jahre durch? Ist es Ehrgeiz? Pflichtgefühl? „Nein, immer wenn ich mit der Arbeit beginne, bin ich mit einem Enthusiasmus aufgeladen, der mir hilft, die Last der Arbeit zu überwinden.“

Sie sagt das so kühl, daß man es ihr glaubt. „Die Arbeit ist körperlich sehr anstrengend, weil man den Hals in einer bestimmten Stellung halten muß, um durch das Mikroskop zu schauen, und gleichzeitig die Hand nach vorn streckt, um zu arbeiten.“ Höchste Konzentration sei nötig, um mit Pinzette und Skalpell den Schmutz, den Firnis und spätere Übermalungen abzutragen. „Nach ein paar Stunden kann man nicht mehr, auch wegen der optischen Vergrößerung: Hinterher sieht man den ganzen Tag alles doppelt.“ Neben ihrer Arbeit an Leonardos „Abendmahl“ führt sie in der Via Senatore noch ein eigenes studio di restauro – man könne nicht von morgens bis abends immer nur Leonardo restaurieren, sagt sie.