Ein Gläschen Champagner hatte Madame in jene wohlgemute Stimmung versetzt, die dem Genuß erlesener Tafelfreuden vorangeht, in jene heitere Gemütsverfassung, die guten Gedanken Vorschub leistet und allen Problemen abhold ist. Entspannt ließ sie die Augen schweifen – und hätte es besser nicht getan.

Denn sie erblickte, was ihr schon immer mißfallen und sie zudem stets wider Willen in ergebnisloses Sinnieren gestürzt hatte: Sie sah den scharf angewinkelten Unterarm des Oberkellners, den jener so unbeweglich auf dem Rücken hielt, als habe ihn jemand dort festgeschraubt.

Wie kann ein freier Mensch in einem freien Land freiwillig so dastehen oder, anders gefragt, welch verqueres Berufsethos steckt hinter einem derart abstrusen Gebaren? In solcher Haltung führten Polizisten ertappte Bösewichter ab, um sie am Entkommen zu hindern. Aber: Schließlich waren ja auch Handschellen erfunden worden, damit selbst Raufbolde und Hinkeldiebe nicht ständig mit dem Arm auf dem Rücken herumlaufen müssen. Warum soll der Mensch, da ihn die Natur mit zwei freischwingenden Armen ausgestattet hat, den einen der beiden verstecken?

Es lag etwas Gewalttätiges in dieser Verrenkung, das mit dem krassen Gegenteil lockerer Entspanntheit konfrontierte, und es wollte sich dieser Dressurakt nach Madames Meinung so gar nicht ins Ambiente gehobener Gastlichkeit fügen. Eher fühlte sie sich an militärische Drill-Erfolge erinnert wie beim Stechschritt, dessen Sinn ihr stets dunkel geblieben war, da diese Gangart einem Fortkommen eher im Wege steht, statt es zu befördern.

Einmal ins Grübeln gekommen, befand sich Madame wieder einmal auf dem besten Wege, Essen und Trinken zu vergessen und erneut nach möglichen Erklärungen zu suchen, wobei sie jene, die sich so leichthin andienten, am schnellsten wieder verwarf. Beispielsweise den Einfall, daß sich mit solch akrobatischer Finesse beim Weineinschenken leichter das Gleichgewicht zur Flasche halten lasse. Oder hatten zu Zeiten, als es die Bediensteten an Etikette zu gewöhnen galt, die Domestiken dazu geneigt, sich beim Einschenken mit der Linken leicht im Suppenteller abzustützen? Am Ende gab es gar weit zurückreichende Tabus für diese scheinbar sinnentleerten Winkelzüge, woraus sich von interessierten Kreisen eine Rechtfertigung zimmern ließe, um alles beim alten zu belassen.

Madame jedenfalls träumte davon, einmal im feinsten Hause am Platze die Front einarmiger Kellner abzuschreiten und ihnen aufmunternd zuzurufen: „Rührt euch, Männer!“ Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, eine Initiative zur Entwinklung der Unterarme von Oberkellnern zu starten. Madame jedenfalls wünschte sich sehnlichst, es sei ihr vergönnt, beim Speisen endlich einmal auf andere Gedanken zu kommen.

Rosemarie Noack