Hans Traxler

/Von Anna v. Münchhausen

Es fängt gleich gut an. „Bitte keine Werbung und kostenlosen Zeitungen einwerfen!“ fordert ein Aufkleber am Briefkasten. Eine Wackelhand hat drübergeschmiert: „+ Titanic“. So, das eigene Blatt will er nicht geliefert haben? Die Selbstironie der neuen Frankfurter Schule (dieser sichere Strich!) macht Fortschritte.

Aber oben ist alles anders. Der wäre leicht zu zeichnen, denkt die Besucherin zunächst, als Hans Traxler öffnet. Der Cartoonisten-Veteran der Republik – ein leiser, höflicher Mensch in seinem Werkstatt-Labyrinth der Blätter und Bücher. Hohe Räume wie bei Sempé, kleiner Mensch in herzkrümmender Ratlosigkeit.

Nach zehnminütigem Gespräch schon hat sich der Blick differenziert. Nein, gar nicht leicht zu Papier zu bringen, oben breite Stirn, unten schmales Kinn, dazu der Blick von fern, mal in die Teetasse und dann wieder in die Tiefe der Regale gerichtet, wo Nippes und Sakrales vor sich hinstaubt. Irgendein östlicher Einschlag hat diesen Kopf geformt, etwas zurückgenommen Widerborstiges, Halbgezähmtes, Melancholisches steckt drin. Sehr unkomisch und sehr nachdenklich kommt uns Traxler, wie viele, die mit Humor ihr Brot verdienen und von der Umwelt deshalb als notorische Frohnaturen mißbraucht werden.

Gerade an diesem heißen Juli-Montag, als Traxler im Gehäuse sich befragen läßt, grübelt, gegenfragt und gelassen skizzierte Ansichten unfertig im Raum stehenläßt, an diesem Montag also trägt sich zu, daß der Bauernsohn Michail Sergejewitsch Gorbatschow im 2632 Kilometer entfernten Schelesnowodsk den Beamtensohn Helmut Kohl trifft und sie sich beide ein Stück vom jüngst reichlich zerschlissenen Mantel der Geschichte abschnippeln. Hat Traxler es nicht gewußt? „Der Große Gorbi“ heißt sein jüngstes Buch. Wahrhaft große Cartoon-Charaktere sind rar, klagen die Zeichner. Warum gerade Gorbatschow? Der Zeitgeist-Zeichner analysiert: „Er repräsentiert ein ehemals ungeheuer furchteinflößendes, mächtiges Gebilde. Ich selbst bin in der Furcht vor dem Kommunismus aufgewachsen, und nun zerbröckelt das, jagt niemandem mehr Angst ein. So eine Figur, die sich die Geschichte dafür ausguckt, hat etwas Faszinierendes, auch für Spötter – wo etwas umzukippen beginnt ins Komische.“

Legendenbildung also ist sein Gorbatschow-Thema – festgehalten in hinreißenden Zeichnungen und Aquarellen, prallgefüllt mit saftigen Details, nach denen alle lechzen: Wer ist dieser heilige Michail? Listig wird Politik mit Biographie verknüft. Das Wodka-Verbot, der Kampf gegen Pfusch und Schlamperei, und wie der junge unbekannte Komsomol-Sekretär G. gar Stalin überlistete – für alles findet der eifrige Rechercheur aus Frankfurt eine Erklärung in Gorbis Erbgut und Werdegang. En passant werden uns dabei noch unsere Klischeevorstellungen vom Leben und Treiben hinter dem Ural um die Ohren gehauen. Auch die Texte sind original Traxler; hübsche scheinnaive Anekdoten mit reicher Bildersprache, die als Koeffizient der Zeichnungen beinahe schon wie leibhaftiges Kabarett daherkommen. Bis in die Zeit von Iwan dem Grausamen werden die Gorbatschows zurückverfolgt, eine erstaunliche Sippe, und alle, alle haben das unveränderliche Kennzeichen über dem rechten Auge.