Domenica!

Domenica Niehoff ist Deutschlands engagierteste Hure. Sie möchte im „Café Sperrgebiet“ (Diakonisches Werk) in Hamburg-St. Georg arbeiten, um dort Kinder und junge Mädchen vom Strich zu holen, aber die Kirche, deren steuerzahlendes Mitglied sie ist, läßt sie nicht. Sie hat sogar in einem Brecht-Stück auf der Bühne gestanden: „Ja, da spielte ich ‚Die sieben Todsünden‘. So heißt das Stück, paßt ja auch zu mir. Ich hätte alle sieben spielen können. Mir haben sie aber nur eine Rolle gegeben. Ich spielte den Stolz. Ich muß sagen, daß ich bei den Proben sehr viel weinte. Das Stück hatte viel mit mir zu tun. Da ziehen zwei Schwestern aus, um ihr Glück und das große Geld zu machen. Das war bei mir und meiner Schwester auch so. Sie ist daran gestorben. Das Theater ist wohl durch mein erstes Buch auf mich gekommen. Ich finde aber doch, daß man mir mehr anbieten könnte, da doch alle wissen, ich steige aus.“

Nord, ein kleines Magazin für Kultur, Politik und Wirtschaft, das noch nie so gut war wie in diesem Interview mit einer ungemein aufrechten Gesprächspartnerin, ließ Domenica das Wort „Moral“ buchstabieren. Domenica Niehoff buchstabierte: „M wie Momper, O wie Otto, R wie Rahlfs, A wie Albrecht und L wie Lummer. Den habe ich mal persönlich kennengelernt. Der paßt in jede Ecke.“

Frauenspezifisch

Die Behauptung, daß Frauen zum Putzen quasi von Natur aus befähigt seien, ist nicht etwa eine männerspezifische Gemeinheit der Jahrhundertwende, sondern findet sich in der arbeitsmedizinischen Berufskunde, 1981 herausgegeben von Scholz-Wittgens. Dort heißt es: „Rein psychologisch gesehen setzt eine Frau hier lediglich ihre Hausarbeit fort, und der arbeitende Mann findet seine Umwelt genauso gesäubert und gepflegt vor wie zu Hause.“ Die Zeiten haben sich geändert. Nicht etwa die Emanzipation, sondern die Arbeitslosigkeit hat aus der Putzfrau einen Gebäudereinigungshandwerker gemacht. In bundesdeutschen Gebäudereinigungsfirmen arbeiten inzwischen 95,1 Prozent deutsche und ausländische Frauen sowie ausländische Männer als sogenannte Hilfskräfte. Daß heißt, sie machen die schwerste Arbeit und bekommen am wenigsten Geld, während 4,9 Prozent deutsche Männer Gebäudeaußenreinigungshandwerker sind mit Sozialversicherung und Kündigungsschutz. Das europäische Putzfrauen-Tribunal, das unlängst in Bonn tagte, fand heraus, daß das europaweit reichste Land, die Bundesrepublik Deutschland, am schäbigsten mit seinen Putzfrauen umgeht.