Geburtstag heißt auf holländisch „Verjaardag“. Das ist viel zutreffender und gemahnt an das Verfallsdatum auf abgepackten Lebensmitteln.

Jürgen Manthey im Augustheft des „Merkur“

High Kuh

Ein Haiku ist kurz und will in der Hauptsache nichts. „Ein Abend im Herbst / Ich denke nur / an meine Eltern“. Klar und tiefsinnig. Das ist ein Haiku. Drei Zeilen, in denen das „Geplapper der Seele“ ein Ende hat, in denen Stille herrscht, Wortknappheit, das Mu (dt.: Erwachen vor der Tatsache) der Zen-Buddhisten. Was paßt also besser in die DDR als ein Haiku-Gedicht? Die Preise sind im Aufschwung, die Finanzen im Abgrund, der Wahltermin im Eimer, die Bürger in Not, Geplapper, Geplapper der Seele. Das alles zeigt klar, der Osten braucht ein Haiku-Seminar, schreibt uns mit vorzüglichem Gruß Herr B. aus Ost-Berlin. Das erste Haiku-Seminar in der DDR, veranstaltet von Herrn B. und der dt. Haiku-Gesellschaft e.V. hoch oben auf dem Thüringer Wald in der „reizvollen Umgebung des weltbekannten Erholungsortes Oberhof“ ist ein Anfang. „Workshops, Lebensberatung, Selbstverwirklichung, Religionserfahrung, Esoterik u.v.m.“ folgen. Fürs Nötigste bietet Herr B. zunächst allen Haiku-Liebhabern vom 7. bis zum 9. September eine fachkundige Anleitung im Dreizeiler-Dichten, „eine Einführung in das Thema in Form einer stimmungsvollen Soiree mit Musik, mundigem Wein und Kerzenschein, das gemeinsame Atmen der Natur, eine kleine Wanderung zur Lütsche-Talsperre, gleichsam als bewußte Naturerfahrung, als sinnliches Erleben der Stille“ für 190 DM mit Frühstück (Anmeldung noch möglich unter dem Kennwort „September“ beim Haiku-Seminar, PF 1, Berlin, DDR-1137). Wer da mitdichten könnte! So hoch oben auf der Lütsche-Talsperre. Dem würde das Sommerseelengeplapper im Mu vergehen. Und es bliebe in der Hauptsache nichts. Stille. Mu.

„Archivolte“ auf Eis

„Wir haben eine Chance“ – das Ausrufungszeichen dahinter war zugleich Behauptung und Aufforderung. Die Zeitschrift Archivolte, in deren Namen mit der Architektur auch die Revolte stecken sollte sowie die Lust zu Volten, hatte endlich sein sollen, was bis dahin, bis zur Umkehrung der DDR, unmöglich, verboten, im Untergrund verfolgt gewesen wäre, nämlich ein unabhängiges, frei informierendes, zu Diskussionen anstiftendes, aktuelles Informationsblatt für Architekten, Stadtplaner und alle, die ihre Taten und Untaten interessieren. Eine kleine Redaktionsmannschaft von acht sehr jungen Architekten hat die temperamentvolle Zeitschrift (nebenbei) zustande gebracht, Elan und frischer Geist gaben den acht bis sechzehn Seiten des hektographierten Blattes seinen merkwürdigen intellektuellen Glanz. Doch in der neuesten, der sechsten Ausgabe steht da, wo anfangs die Chance beschworen wurde: „Abgesang“, darin „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ das vorläufig letzte Heft besungen wird – trotzig seine Wiederauferstehung beschwörend. Archivolte, liest man, werde nur „auf Eis gelegt“. Und warum? „Fein säuberlich gewendet, hat sich östliche Inkompetenz mit westlicher Korruptheit vielerorts in den Chefetagen verbrüdert und läßt die Straßen der Revolution wieder Straßen sein. Hier regiert jetzt das Geld, und zwar hartes!“ Das Engagement vieler Mitstreiter komme nun statt dem Gemein- wieder dem Eigenwohle zugute, es erlahme das Interesse, „unsere Zeitung“ einerseits zu lesen, andererseits darin zu schreiben, die Reihen seien lichter geworden: „Also wieder abtauchen.“ Um eines Tages wieder aufzutauchen? Vor allem ein Verleger ist ihm zu wünschen – diesem Architekturblatt, das mit so erstaunlich fröhlichem Selbstbewußtsein einen neuen Ton gefunden und in sechs Ausgaben so viel geistreiche Artikel gedruckt hat wie das unterwürfige, allmählich vertrottelte Blatt Architektur der DDR in zweihundert nicht.