Zöller hatte mit den Leitern der umliegenden Postämter vereinbart, ihn sofort zu unterrichten, wenn alliierte Truppen in der Umgebung auftauchten. Als aus Leutkirch französische Soldaten gemeldet wurden, entschloß Zöller sich statt zur befohlenen Sprengung zur Kapitulation und erteilte Jung den Befehl, den Franzosen die Übergabe des Depots anzubieten. Jung setzte sich auf sein Fahrrad und fuhr mit einer weißen Fahne Richtung Leutkirch, von SS-Männern, die sich im nahen Ziegelbach aufhielten, glücklicherweise unbehelligt.

Was dann geschah, schilderte Jung später so: „Leutkirch schien eine menschenleere, tote Stadt. An einer Straßenecke sah ich mich Panzern gegenüber, dann wurde ich von französischen Soldaten festgenommen. Verhandlungen mit dem Kommandanten folgten. Ich vereinbarte die kampflose Übergabe eines weiten Gebietes um die Anstalt, etwa bis nach Isny und nach Bayern hinüber. Dann setzte man mich mit meiner Fahne auf die Spitze eines Panzers, und es ging nach Urlau zurück.“

Die französischen Truppen umstellten das Depot, dessen Übergabe von ihrem Kommandeur erst angenommen wurde, nachdem Major Zöller und seine kleine Mannschaft die Sprengvorrichtungen entschärft hatten. Das Giftgas wurde später mit der Bahn zur Nordsee gebracht und dort verschifft. Was dann mit den Kampfstoffen geschehen ist, ist unbekannt.

Zöller und Jung haben mit dieser befehlswidrigen Aktion – noch vor der Kapitulation der großdeutschen Wehrmacht – ihr Leben riskiert, aber das Leben von Tausenden gerettet und dem Allgäu eine schreckliche Katastrophe erspart. Offizielle Anerkennung dafür haben sie bis heute nicht gefunden. Major a.D. Günter Zöller lebt, einundachtzigjährig, als Oberingenieur im Ruhestand in Aachen. Er spricht nicht gern über das Jahr 1945.