Sagt jemand, diese metallenen Monumente stalinistischer Denkmalskunst seien der Inbegriff avantgardistischen Handwerks? Meint irgendwer, all dies müsse erhalten bleiben, am besten konserviert und hochgehalten? Keineswegs, ganz im Gegenteil. Doch was tun mit all den Lenins und Thälmanns und Marxens? Schnell und klammheimlich versuchen Interessierte schon, das Altmetall billig zu entsorgen, am besten beiseite zu schaffen, einzuschmelzen. Ohne Rücksprache und Diskussion. Das ist sehr zeitsparend, gewiß; dazu gewissenschonend und allemal karrierefördernd ...

„Erhalten – Zerstören – Verändern?“ fragt jetzt eine Berliner Ausstellung in die allgemeine Geschäftigkeit; eine erste Dokumentation über die „Denkmäler der DDR in Ost-Berlin“, eine Bestandsaufnahme, innerhalb kürzester Frist entstanden. Zusammengetragen von Kunstgeschichtsstudenten der Humboldt-Universität und jenen der FU und TU Berlin. Eine grenzüberschreitende Diskussion soll entfacht werden.

Und die ist dringend nötig. Denn verschwunden ist schon manches. Manchmal ist es Vandalismus, oder es sollen die Souvenirjäger auf Flohmärkten bedient werden; für vollendete Tatsachen hat allerdings auch schon mancher Bezirksbeschluß gesorgt. Vor allem Honecker, da ist man sich ausnahmsweise einig, soll dran glauben; Worte des großen Vorsitzenden in Stein und Metall werden nach und nach getilgt. Im Juni hat man zwei gewaltige Texttafeln vom Thälmann-Denkmal am Prenzlauer Berg entfernt – aufbewahrt nun, vielleicht, beim Bezirksgartenamt, denn dem obliegt, so verschlungen wohlgeordnet sind nun mal die Instanzenwege, die Pflege.

Vier Wochen zuvor wurde auf dem Platz der Akademie, dem alten Gendarmenmarkt, eine Granitplatte ausgehoben, die erst 1984, zur Zierde des historischen Ensembles, eingelassen worden war. Nun füllt blanker Beton die Leerstelle, aber, immerhin, wir brauchen nicht mehr nach unserer Brille zu nesteln, um zu entziffern, daß „das Berlin von heute immer mehr zum Symbol für den Siegeszug des Sozialismus auf deutschem Boden“ wird – Honeckers Worte, anno 1979.

Und die bronzenen, granitenen Ungetüme? Lenin zum Beispiel. In Eisleben, in Gera, in Dresden; stehend, sitzend, agitierend – in jedem Fall: überlebensgroß. Für ihn gibt es selbstverständlich auch jede Menge Plaketten: Hier besuchte er ein Theater – der Stichtag ist festgehalten; dort nahm er an einer Arbeiterversammlung teil, andernorts war es eine Bibliothek, in der er arbeitete – alles verewigt auf Gedenktafeln, zum Ruhme des Helden (und seiner Nachfahren natürlich). Und die sowjetischen Ehrendenkmäler, die nun schon beschmiert werden? Und die vielen Marxe an allen Ecken der Stadt?

Doch auch andere trifft es. Käthe Kollwitz und Carl von Ossietzky und Bert Brecht. Und wer von uns aus dem Land der Bismarck-Denkmäler und Kaiser Wilhelms zu Pferde kennt schon Ernst Zinna? Gleich fünfmal wird seiner in der Hauptstadt gedacht. Ein Schlosserlehrling, damals, als er, siebzehnjährig, auf einer Barrikade am 18. März 1848 den Schüssen preußischer Soldaten zum Opfer fiel. Auch die Männer und Frauen von 1918/19 werden oft geehrt, und, natürlich, die Opfer des Nazi-Schreckens. Ein Stück Geschichte, das bei uns zu lange unterbelichtet blieb – hier allerdings heroisch verklärt und zur Staatsdoktrin hingewendet, ins gleißende Licht einer sozialistischen Anbetung gerückt.

Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über die politische Kunst der DDR im Stadtbild, zeichnet sich durch eine Unbestechlichkeit aus, die falschen Heroismus, verlogene Staatsinteressen, unzulässige Vereinnahmungen deutlich macht. Es bleibt eine Menge Stoff zum Diskutieren, Raum für Ergänzungen – und, hoffentlich, das Anschauungsmaterial in den Straßen, um in den kommenden Wochen in Stadtführungen und bei den geplanten Diskussionen noch zu wissen, worüber man redet. Stefan Berkholz

(Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Tempelhofer Ufer 22, bis 7. 9., Ausstellungskommentar 10 Mark; ein Katalog und die Übernahme der Ausstellung nach Ost-Berlin sind geplant.)