Von Gabriele Venzky

Wenn sich Herr Ramachandran aus Madras mit Herrn Patel aus Ahmedabad, Frau Chatterjee aus Kalkutta mit Frau Kaur aus Amritsar, Herr Siddiqui aus Haiderabad mit Frau Dr. Johnson aus Delhi unterhalten will, dann können sie das nicht, obwohl sie alle Inder sind. Es sei denn, sie sprechen englisch. Denn die Muttersprache von Herrn Ramachandran ist Tamilisch, Herr Patel spricht gujarati, Frau Chatterjee bengalisch, Frau Kaur punjabi; Herr Siddiqui spricht, da er Moslem ist, Kannada und Urdu. Frau Dr. Johnsons Muttersprache schließlich ist Englisch: Ihr Großvater war Engländer, und sie gilt daher als Anglo-Inderin.

Mehr als sechzig große Sprachen gibt es in Indien, davon fünfzehn als offiziell anerkannte, die gesprochen und geschrieben vollkommen verschieden sind, so verschieden wie etwa Bulgarisch und Finnisch. Verwunderlich ist das nicht. Indien ist so groß wie ganz Europa ohne die Sowjetunion, doppelt so viele Menschen leben dort. Ein Sprachenbabel ist also unvermeidlich. Von den 850 Millionen Indern sprechen und schreiben nur etwa 40 Millionen Englisch, also nicht einmal fünf Prozent. Es ist ein eigentümliches Singsang-Englisch, das sich, wie das amerikanische und australische, zu einem eigenen Idiom zu entwickeln beginnt – zu Hindiisch und Hinglisch.

Als Indiens neuer Premier und sein Kabinett eingeschworen wurden, legte die eine Hälfte den Eid in Hindi ab, die andere in Englisch, weil sie Hindi nur gebrochen spricht. Vierzig Jahre nach dem Ende der britischen Herrschaft ist immer noch Englisch die Sprache der Politiker, Geschäftsleute und Intellektuellen, der Wissenschaft, der alten Society und der zahlreichen Neureichen. In der Verfassung ist die Fremdsprache als "beigeordnete offizielle Sprache" festgeschrieben.

"Wenn ich es könnte, würde ich diese Sprache ins Feuer werfen", empört sich Mulayam Singh Yadav, "denn Englisch ist der größte Fluch für dieses Land." Englisch sei die Brutstätte für die Korruption – von der Indien wahrlich nicht zu wenig hat –, Englisch verhindere den Fortschritt. Englisch fördere den Minderwertigkeitskomplex der Massen.

Deshalb befahl Mulayam Singh Yadav: Ab sofort darf Englisch nicht mehr in den Amtsstuben seines Staates verwendet werden, weder in Wort, noch in Schrift. Wer sich nicht daran hält, wird gefeuert. Verordnete Ersatzsprache: das einheimische Hindi. Ab sofort sind auch alle Straßenschilder, Wegweiser und amtlichen Bezeichnungen umzuschreiben. Bei Zuwiderhandlung droht Strafe. Mulayam Singh Yadav kann solche Dekrete wie ein absoluter Herrscher erlassen, denn er ist der neue Chief Minister des bevölkerungsreichsten indischen Staates Uttar Pradesh, der mit 120 Millionen Menschen doppelt so viele Einwohner hat wie die Bundesrepublik Deutschland. Ein mächtiger Mann also.

Mulayam Singh Yadav gehört zu jenem neuen Typ von Politikern, der nach dem Sturz des weltläufigen Rajiv Gandhi an die Macht gekommen ist. Der Ex-Premier hatte sich mit seinem verfeinerten Yuppie-Image und seinem holprigen Hindi bei den Massen im Norden nicht leicht getan. Der grobgestrickte, erdige Yadav dagegen gehört zu denen, die gerne sagen: Sei Hindustani, sprich Hindi – und ist damit zur Zeit in Indien sehr populär. Denn das Land schwimmt auf einer Welle des Hindu-Fundamentalismus mit ausgeprägt chauvinistischen Zügen: "Hindus erwachet!", dieser Ruf ertönt immer lauter und macht vielen Angst.