Von Iring Fetscher

Was wirklich am 14. Juli 1789 geschah, hat mit dem Mythos des Bastillen-Sturms relativ wenig zu tun. Historiker wissen das längst, und selbst neugierige Zeitgenossen der Revolution konnten es erfahren. Dennoch hat sich dieses politische Symbol durch zweihundert Jahre hindurch gehalten. Keine noch so radikale und kritische Entmythologisierung konnte ihm etwas anhaben. Daran dürfte auch die Publikation des kleinen Buches von Arlette Farge und Michel Foucault nichts mehr ändern, das den Nachweis bringt, wie oft die anrüchigen "Lettres de cachet" des französischen Königs auf Veranlassung adliger und bürgerlicher Familien geschrieben wurden, um auf diese Weise ein straffällig oder "unmöglich" gewordenes Familienmitglied ohne Aufsehen "aus dem Verkehr zu ziehen".

  • Arlette Farge, Michel Foucault (Hrsg.):

Familiäre Konflikte: Die ,Lettres de cachet‘

Aus den Archiven der Bastille im 18. Jahrhundert; aus dem Französischen von Chris E. Paschold und Albert Gier; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1989; 293 S., 16,– DM

In der Tat waren die sieben Gefangenen, die am 14. Juli 1789 aus der Bastille befreit wurden, wenig geeignet, um als Märtyrer der Freiheit und Opfer politischer Willkürherrschaft zu dienen. In Ermangelung geeigneter Symbolgestalten wurden deshalb sehr rasch entsprechende Personen "erfunden". Auch die Haftbedingungen entsprachen keineswegs den im Volk zirkulierenden Gerüchten. Eine vereinzelte nüchterne Stimme, die davon spricht, daß alle sieben befreiten Gefangenen "quicklebendig" waren und weder Leichen noch menschliche Gerippe in Verliesen gefunden wurden, vermochte nicht durchzudringen. Die Bastille war schon in den Jahrzehnten vor ihrer "Eroberung" zum Symbol der absolutistischen Herrschaft des Ancien régime geworden, die "Helden des 14. Juli" aber hatten alles Interesse daran, daß dieser Mythos aufrechterhalten blieb.

Hans-Jürgen Lüsebrink und Rolf Reichardt beschreiben in ihrem Buch sowohl die Genese dieses politischen Symbols als auch seine Instrumentalisierung durch die Revolutionäre und die nachfolgenden Generationen. Ihre Mentalitätsgeschichte ergänzt und korrigiert die Ereignis- und Ideengeschichte, die noch immer unsere Vorstellungen der Revolution beherrscht. Für diese ergänzende Korrektur des Geschichtsbildes ziehen sie zahlreiche Flugschriften, Trivialromane, auch graphische Darstellungen heran. Statistiken zeigen, wie stark das Bastille-Symbol die Revolutionsikonographie und die populären Darstellungen beherrscht. Daneben wird an ausgewählten Beispielen gezeigt, wie das Datum und der Bastillen-Sturm zu ihrer beherrschenden Rolle gekommen sind.