Der Streit um Christa Wolf, das Ende der DDR, das Elend der Intellektuellen: Das alles ist auch komisch

Anderer Leute Zungen hängen mir schon zum Halse heraus: Aber wenn Lew Kopelew mich zu irgendeiner Menschheitsretterei verdonnert, dann mach’ ich brav, wie ich soll, von dem ließ ich mich immer und gerne zotteln. Nur diesmal weiß ich weder ob noch wie. Es geht um Christa Wolf, genauer: Es geht nicht um Christa Wolf.

Fangen wir also an mit dem Anfang der Bibel, so kommen wir am schnellsten zu Potte. Alles begann im großen Kinderbuch der Menschheit ja nicht nur mit einer Denunziation. Der Sündenfall liefert auch das Modell einer miesen Schuldabwälzerei. Als Adam und Eva im Paradies noch kauten, da rief der Große Lehmkünstler nach seinem fleischgewordenen Werk und sagte:

Hastu nicht gessen von dem Baum, davon ich dir

gebot, du solltest nicht davon essen?

Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellet

hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.

Der Täter sieht sich als verführtes Opfer, das kennen wir. Kaum hat er also vom Apfel der Erkenntnis abgebissen, der erste Mensch, schon verpfeift er sein Weib an die Obrigkeit und lädt auf sie alle Schuld ab. So sind wir gemacht, von Anfang an.

Christa Wolf hat nun eine Erzählung mit dem Titel: „Was bleibt“ veröffentlicht. Eine böse Geschichte aus längst vergangenen Zeiten. Ich soll der miesen FAZ-Kritik eines Frank Schirrmacher entgegentreten und soll dem perfiden Artikel des Ulrich Greiner in der ZEIT widersprechen. Christa Wolf wird Feigheit vor einem Feind vorgeworfen, der allerdings nicht ihr Feind war und unter dessen Regime die Kritiker nie leben mußten. Heikel!

Es ist klar, warum mein allerliebster Russe aus Köln grad mich in die Maulschlacht schicken will. Ich spreche ja in dieser Frage mit einer Autorität, die mir in den Schoß fiel wie ein Mühlstein und die mir über den Schädel geschlagen wurde wie ein Heiligenschein.

Die Kritiker werfen der Christa Wolf vor, daß sie die Anti-Stasi-Story von vor über zehn Jahren erst jetzt aus der Schublade holt, wo es nichts mehr kostet. Stimmt! Aber auch umgekehrt: Bis grad eben noch war diese Autorin eine Heilige Kuh. Warum berennen diese Ritter des Geistes die umschmeichelte Autorin erst jetzt, wo es ebenfalls nichts mehr kostet? Wie zögerlich, furchtsam und zerrissen Christa Wolf auch immer war, sie machte nie auf Held, und sie durfte deshalb zerrissen, furchtsam und zögerlich sein. Außerdem soll man den Apfelbaum nach seinen Früchten beurteilen und nicht danach, ob er gute Knüppel hergibt oder Brennholz für Scheiterhaufen.

Gewiß, die tapferfeigen Intellektuellen der DDR sind in der Bredouille. Nicht nur Christa Wolf, auch solche geschrumpften Drachentöter wie mein falscher Freund Stefan Heym, mein falscher Feind Stephan Hermlin, wie Volker Braun, dessen Talent ich bewundere, wie Fritze Cremer, den ich bedaure, wie Scheumann, den ich nicht kenne, wie Hermann Kant, den ich fürchte, und Peter Hacks, den ich verachte, wie Rainer Kirsch, der mir egal ist, wie Erik Neutsch, der immer blöde blieb, wie Willi Sitte, der auch mal Bessres mit sich und der Welt vorhatte.

Einige von diesen selbstlosen Kostgängern des Stalinismus kenne ich: halbherzige Aufrührer, die nun von Existenzängsten geschüttelt sind. Alles Luxusleiden. Parteipoeten, die gelähmt feststellen, daß ihre Villa ein Westgrundstück ist. Staatskünstler, die mitansehn müssen, wie ihr Staat untergeht. Wahrheitsfanatiker mit all ihren gehäkelten Lebenslügen. Wider-den-Stachel-Löcker mit storniertem Pensionsanspruch. Gleichheitsprediger mit bedrohten Privilegien. Untergrundkämpfer ohne lukrative Staatsaufträge. Freigeister, mühselig beladen mit Nationalpreisen.

Sie alle werden jetzt von westlichen Kritikern einem moralischen Tüv unterzogen. Ich find’ es eher zum Lachen! Es geht ihnen nicht besser als den anderen Trabis und Wartburgs. All diese klapprigen Ost-Autos fahren nun über die Grube, und irgendein smarter Ingenieur vom Feuilleton stochert von unten ohne alle Pietät mit dem Schraubenzieher durch die Rostlöcher im Boden. Ach, und der moralische Abgas-Test! Das Öl, mit dem sie geschmiert und gesalbt wurden, verbrennt. Es stinkt im Osten nach Selbstmitleid.

Das Volk jubelt blöde über die schnelle Einheit, aber allerhand linke Künstler greinen. Es ist eine Posse.

Ja, lieber Lew, das ist eine Frage: Dürfen so vorlaute smarte Rotzlöffel wie Greiner und Schirrmacher, die nie durchmachten, was wir in der Stalinzeit erlitten, dürfen die urteilen? Dumme Frage, dumme Antwort: Na klar dürfen sie, und sie sollen sogar. Ich finde: Diese Artikel sind weder Hetze, noch blasen sie zu einer Hatz.

Mit allerhand Altlinken im Westen ist darüber schlecht reden, denn sie sind bösartig verwirrt und sind stocksauer über das Ende des Tierversuches DDR. Sie verübeln es dem DDR-Volk, daß es nicht jenen Sozialismus aufgebaut hat, von dem sie im Westen immer geschwärmt hatten. Viele Linke hier gestehen sich nicht ein, daß sie hinter dem eigenen Rücken heilfroh waren, wenn ihr Schwarm ein Traum blieb, den sie nicht leben müssen.

Und im Osten? Die eingebundenen Schriftsteller und alimentierten Maler, die gelegentlich im Westen grasenden Schauspieler und Verleih-Regisseure, die im Westen wildernden Miet-Musiker mokieren sich nun über die bananengierige Begeisterung des DDR-Pöbels am Grabbeltisch bei Karstadt. Auch diese Ost-West-Existenzen hätten den östlichen Tierversuch noch gut und gern tausend Jahre ertragen. Und mancher ärgert sich über den Fall der Mauer, Kunststück! Sie hatten ja fast alle in den letzten Jahren einen Reisepaß ergattert, den das eingesperrte Volk bitter den Arierpaß nannte. Und das kam ihnen süße hinzu: Sie zahlten auf ihre Westhonorare beneidenswert niedrige Steuern: fünfzehn Prozent. Sie waren alle verstrickt. Und manchem schmeckt ein Menschenrecht eben doppelt, wenn er es als Privilegium genießen kann.

Brecht unterschied in seinem Tui-Roman-Fragment die echten Intellektuellen von den „Tellektuelinns“, die er kaltkurz Tuis nannte. Tuis, das sind die gekauften Intellektuellen, angestellt zur Ideologieproduktion. Selber in feineren Fesseln, schmieden sie die groben Ketten fürs Volk. Gehirnathleten, die ihren Kopf vermieten, genauso wie die Arbeiter ihre Hände. Ein anschauliches Abziehbild. Aber wir sind im Leben und nicht im Kongreß der Weißwäscher auf der Bühne des Berliner Brechtmuseums. In Wirklichkeit gibt es da kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Alsauch. Wir sind alle frei und angekettet zugleich. Und vertüdeln in uns eins mit dem andern. Kein Wahrheitsapostel lebt ohne Lebenslügen.

Und so müssen wir über die uralten Fragen bei Gelegenheit dieser Umwälzungen mal wieder nachdenken: Was soll der Schriftsteller in den finsteren Zeiten der Tyrannei?

Zu weit gehn, gewiß. Aber wie weit zu weit? Wahrheiten austeilen, Gott ja! Aber wann und wie und wieviel und wem?

Wahrhaftig sein, gerne! Aber was tun, wenn das Leben auf dem Spiel steht und nicht nur das Wohlleben?

Appelle? Wozu einem Herzlosen das Hemd aufreißen!

Verdikte? Wozu einem Toten das Maul stopfen!

Furcht haben, wer hätte sie nicht. Was aber, wenn die Furcht mich hat?

Gerechtigkeit ist ein Traum, alt wie die Unterdrückung. Auch ich träume von einer Politik, die moralisch ist. Und wer wünschte nicht eine Moral, die endlich praktische Politik wird? Wir träumen alle vom Paradies, denn es ist ein Standard-Traum in der Hölle.

Des Teufels Instrumente waren im Osten die Macht, die Privilegien, die Beziehungen. Heute wird dasselbe mit Geld geregelt. Das Neue Testament war also stärker als das Kommunistische Manifest. Kennt ihr Orwells treffende Paraphrase? „Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei; aber das Geld ist das Größte unter ihnen.“

Geld ist nun in der DDR das Generalthema. Die Arbeiter fangen an zu rechnen, die Bauern machen Bilanz, die flotteren Funktionäre üben ohne Sentimentalität den Kapitalismus. Nur eben die paar Intellektuellen, Künstler, Schriftsteller weinen dem vertrauten Elend nach und geben ihm Kosenamen wie: das Bewahrenswerte, die DDR-Identität, die originären kulturellen Werte. Bei näherem Hinsehen können wir statt dessen auch hier getrost Geld sagen.

Als der Schauspieler Manfred Krug mit Kind, Kegel, Haushälterin und allen Antiquitäten die DDR verließ, im Gefolge meiner Ausbürgerung, tat er etwas, was auch ich hätte tun sollen. Er schloß sich in West-Berlin drei Tage in ein kahles Zimmer ein. Im Raum gab’s nur eine Liege, eine Lampe und ein Buch. Und er las nun das Buch der Bücher: „Steuerrecht der Bundesrepublik Deutschland“. Da könnt ihr was lernen! Krug gehörte schon immer zur Avantgarde. Geld ist womöglich mörderisch wie die Macht, aber es ist nicht ganz so verlogen.

Also laßt uns endlich vom schmutzigen Geld reden. Es gibt für Künstler und Schriftsteller in der DDR im Moment kein edleres Thema. Meine lieben Zunftgenossen, ihr werdet euch ums liebe Geld noch so blutig schlagen, daß die Hunde das Blut lecken. Ihr werdet nicht mehr am Busen der Partei nuckeln, die Fonds sind versiegt. Ihr müßt abstillen, denn die Stasi steht trocken. Ihr werdet einander noch die Nasen abbeißen und euch zurücksehnen nach der gemütlichen Zeit ohne Steuerberater und Finanzamt, ohne Bankkredite und Bauherrenmodelle.

Goldgräber mit Taschenrechnern stoßen in den wilden Osten vor. Rechtsanwälte, Literaturkritiker und andre Gebrauchtwagenhändler erleben in diesen Monaten einen Boom. Die letzte Rostlaube auf Rädern wird zum doppelten Preis an DDR-Leute losgeschlagen. Selbst die schlechtesten Rechtsanwälte finden nun Kundschaft, sie sollen verloren geglaubte Immobilien aus dem ruinierten Rest reißen. Plötzlich gelten neue Maße und Gewichte. Was kann Christa Wolf dafür, daß mancher Kritiker nun sein Kuscheltier aus der Zeit des Kalten Krieges schlachtet. Nun rieseln ihr die Sägespäne aus dem Herzen. Einst mir so freundlich und mir so feindlich heute... Das sind so Sätze. Wir sind alle ganz schön durch’n Wind.

Die DDR kommt mir in diesen Tagen vor wie das zusammengebrochene Pferd in Brechts Ballade:

O FALLADA, DIE DU HANGEST!

Ich zog meine Fuhre trotz meiner Schwäche

Ich kam bis zur Frankfurter Allee.

Kaum war ich da nämlich zusammengebrochen

(Der Kutscher lief zum Telefon)

Da stürzten sich aus den Häusern schon

Hungrige Menschen, um ein Pfund Fleisch zu erben

Rissen mit Messern mir das Fleisch von den Knochen

Und ich lebte überhaupt noch und war

gar nicht fertig mit dem Sterben.

Aber die kannte ich doch von früher, die Leute!

Die brachten mir Säcke gegen die Fliegen doch

Schenkten mir altes Brot und ermahnten noch

Meinen Kutscher, sanft mit mir umzugehen.

Einst mir so freundlich und mir so feindlich heute!

Plötzlich waren sie wie ausgewechselt! Ach, was war mit ihnen geschehen?

Kohl hat sich schon die Serviette in den Hals gestopft und trommelt mit Messer und Gabel auf den Tisch, er will sofort sein großdeutsches Schnitzel. Und der kleine de Maizière röchelt: Ich bin noch gar nicht fertig mit dem Sterben. Goldene Worte sprach dieser neue Chef der verhurten Blockpartei am 18. März nach dem Wahlsieg in die Fernsehmikrophone: „Wir haben am 9. November Wahnsinn gesagt – und sagen auch heute Wahnsinn!!“

Irre gut getroffen, der Mann hat recht. Es ist der helle, der erhellende Wahnsinn. Krenz reißt im Fallen mit dem Hintern die Mauer um. Bärbel Bohley, die oppositionelle Maus, statt sich zu freun, will nicht durch das endlich gerissene Loch laufen. Alles wahnsinnig verkehrte Welt. Stasi löst Stasi auf. Havemanns Akten verschwunden. In der Tagesschau war zu sehn, wie alle belastenden Computerbänder in der Stasi-Zentrale Magdalenenstraße zerfetzt wurden. Ausgesuchte Opfer stimmen der hastigen Vernichtung von Dokumenten der Unterdrückung zu. Ein einziges Affentheater. Ausgerechnet zwei Gottesmänner, Pfarrer Eppelmann und Pastor Meckel, kämpfen als Minister plötzlich für die Aufrechterhaltung der Nationalen Volksarmee. Diese Hirten treiben nun statt der Schafe die Panzer auf die Weide. Das ist Orwellsches Neusprech: Ein Pfaffe will der sterbenden DDR noch schnell für eine Milliarde neue Waffen kaufen und nennt sich Minister für Abrüstung.

Eppelmann, du bist nicht nur von allen guten Geistern, sondern auch von Gott verlassen! Heinrich Toeplitz, Oberster Richter in der Honecker-Ära, ein Mann, der Terrorurteile fällte und keinen Hauch von Schuldgefühl hat, grade der wurde beauftragt, in einer Untersuchungskommission der Volkskammer den Rechtsmißbrauch des alten Regimes aufzudecken. Alle Kommissionen der Bürgerrechtsbewegung zur Auflösung der Stasi waren von Stasis durchsetzt. Diese Revolution ist eine Weltpremiere: eine Revolution ohne Revolutionäre. Sonst hatten wir in Deutschland immer das Umgekehrte: lauter Revolutionäre, die nie eine Revolution zustande brachten.

Ja, es ist ein absurdes Stück, und alle Rollen sind phantastisch falsch besetzt. Diestel trat aus seiner rechtsradikalen Partei aus wegen rechtsradikaler Tendenzen. Höpcke, der Oberzensor von gestern, sitzt im PEN und managt mit Bertelsmann Gesamtdeutsches.

Heiner Müller erweist sich mit seinen blutigen Votze-Kacke-Eiter-Stücken, mit seinen wüst verschachtelten Geschichtsbilderbögen aus der Klapsmühle mehr und mehr als ein biederer Naturalist.

In der Nacht nach dem Fußballspiel schaltete ich vom Fernsehen um auf Nahsehn. Ich rannte in die Straßen West-Berlins und dann rüber in Osten. Ich wollte vergleichen. Im Westen war es zum Kotzen, im Osten zum Fürchten. Auf dem Ku’damm brüllten die entfesselten Fans Ole Ole Ole Oleee! Sieg! Sieg! Sieg! Heil blieben die Scheiben der noblen Geschäfte. Fahnen aus offenen Autos, Hupkonzerte und leere Bierdosen wie die Hülsen abgeschossener Granaten. O, what a lovely football-war!

Dann, im Osten, geriet ich auf den Alex. Kahlgeschorene Halbkinder machten Jagd auf Vietnamesen, die uns entgegenkeuchten und flüchteten ums Rote Rathaus hinter die Baubuden. In der Rosa-Luxemburg-Straße schlugen schwankende Gestalten mit Stangen die größeren Scheiben ein und rissen die Hand zum Heil-Hitler hoch und krallten sich einen alten Mann: Erwidere den deutschen Gruß! und schlugen ihn zu Boden. Sie brüllten: „Und heute gehört uns Deutschland / Und morgen die ganze Welt...“ Immer nur diese beiden Zeilen des alten Naziliedes. Woher kennen die das? Wir drückten uns seitwärts. Die Skins zogen Richtung Prenzlauer Berg die Schönhauser Allee hoch zur traditionellen Straßenschlacht gegen die Punks. Punks rekrutieren sich im Osten vornehmlich aus den Kindern der intellektuellen Halbopposition. Sie fühlen diffus links und verachten die Anpasserei ihrer aufmüpfigen Eltern. Meine Frau zerrte mich weg von den Skins. Sie fürchtete, daß diese angesoffenen Fußballfreunde mir das Maul nach hinten schlagen, nur, weil sie mich mit Wolf Biermann verwechseln. Sie beschimpfte mich, weil ich mich nicht satt sehen konnte an diesen Goya-Gespenstern. Die Skins haben Zulauf von überall, aber die meisten sind Kinder von Funktionären, Polizisten und Stasi-Männern, die jetzt arbeitslos zu Hause vor der Glotze brüten und die Welt versaufen. Wenn das nicht Kontinuität im Umbruch ist: Die Kids der Gegner von gestern prügeln aufeinander ein. Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor.

Seit Hitler waren die Deutschen nicht mehr so begeistert. Am Tag, als Beckenbauers Rudel in Rom der deutschen Wiedervereinigung die Fußballkrone aufsetzte, hat immerhin mein Boris Becker sich um Deutschland verdient gemacht, zum Glück verlor er in London gegen eine schwedische Tennismaschine.

Der Kalte Krieg ist vorbei, und so sehn die Friedensfeiern aus. Also gut, der Kommunismus hat kapituliert. Aber wer hat eigentlich verloren? Honecker und Mielke? Die grinsen verwirrt und verpissen sich ins Grab. Schalck-Golodkowski? Oder Günter Mittags Mafioso Wolfgang Biermann, der gefürchtete Generaldirektor von Zeiss-Jena? Mein Namensvetter ist längst im Westen und wuchert mit dem Pfund seiner Spezialkenntnisse fürs anlaufende Ostgeschäft. Die VEB-Direktoren? Viele haben längst Betriebe bürgerlichen Rechts gegründet und haben sich für’n Appel und Ei aus der Konkursmasse die besten Stücke rausgerissen. Das Volk? Die Arbeiter vom Fließband? Die Bauern in den LPGs? Quatsch! Die haben nie was davon gehabt und haben nie an nichts geglaubt. Man kann nur Illusionen verlieren, die man hat.

Die wirklichen Verlierer sind wir, eine Handvoll linker Intellektueller. Im Namen des echten Marxismus und des wahren Sozialismus hatten wir uns in den Streit mit den Bonzen verbissen. Aber unsere Gegner von gestern sind längst über alle Berge. Und wir, ein Häuflein mehr oder weniger Aufrechter, kauern am Grab und kauen an der Leiche des Kommunismus. Wir wissen zuviel, darum sind wir jetzt die ganz Dummen. Wir haben ein zu scharfes Gedächtnis, deswegen sind wir in diesen Tagen des Aufbruchs in die Marktwirtschaft so stumpfsinnig daneben.

Gewiß, wir sind untereinander verfeindet. Die einen haben mehr, die anderen weniger gewagt und gelitten. Und das werfen wir uns seit je gegenseitig vor. Aber im großen historischen Koordinatensystem sind eben dies nichtige Unterschiede, die man getrost vernachlässigen kann. Es ist im Grunde ganz einfach: Wir kommen aus derselben historischen Hoffnung.

Wir waren ja nicht, wie die Faschisten, aufgebrochen, um ein Volk über alle anderen zu setzen und ganze Völker auszurotten. Der Kommunismus stand ja in der humanistischen Tradition der Aufklärung, bevor er zum Massengrab der Aufklärer wurde. Wir wollten ein Leben vor dem Tod und wollten das jüdisch-christliche Paradies auf die Erde zwingen. Unsere Vorfahren sind die radikaldemokratischen Jakobiner, die ikarischen Spinner, die niedergemetzelten Communarden in Paris, die zusammengeschossnen Matrosen von Kronstadt und die vom Marstall in Berlin im November 1918. Leute unserer Machart leben und arbeiten in den Kibbuzim und liefern das einzige Beispiel für einen halbwegs gelungenen Sozialismus im israelischen Kleinformat.

In den schweren Jahren, als ich verboten war, schrieb und sang ich in der Chausseestraße über unser zerrissenes Deutschland die Verse:

Ich lieg in der besseren Hälfte

Und habe doppelt Weh ...

Die Rechten ärgerten sich über das aufreizende Wort von der besseren Hälfte und reiben es mir noch heute unter die Nase. Die Linken aber tadelten das Wörtchen Weh und wüteten darüber, daß es sogar ein doppeltes Weh sein sollte! So leicht setzt man sich zwischen die Stühle.

Ganze Nächte haben wir uns den Mund fusselig geredet. Immer wieder wurden Havemann und mir von solchen tapferfeigen Freiheitsfreunden wie Heym, Hermlin und Christa Wolf vorgeworfen, daß wir zu weit gehn. Ich wehrte mich mit Pasquillen und spöttischen Liedern und schlug solchen „tiefbesorgten Freunden“ eine Ballade um die Ohren, in der es heißt:

Mein Lieber, das kommt von der Arbeitsteilung:

Der eine schweigt und der andere schreit

– wenn solche wie du entschieden zu kurz gehn

Dann gehn eben andre ein bißchen zu weit...

Oft wurde der Streit untereinander so übermächtig, daß wir vergaßen, daß eigentlich die Kretins im Politbüro unsere Todfeinde waren. Aber es war alles verwirrend vermischt. Christa Wolf war Kandidatin im ZK, und den Einmarsch in die ČSSR hat sie damals leider verteidigt. Hermlin besaß im verhaßten und gefürchteten Erich einen treuen Jugendfreund, den er jederzeit anrufen und um Hilfe bitten konnte. Kam hinzu, daß der weltberühmte Heiner Müller nur ein Wörtchen zum Chef des Berliner Ensembles Wekwerth sagen mußte, und der verklickerte es dann seinem Vertrauten Honecker. So konnte manchem Menschen geholfen werden. Gelegentliche Gerechtigkeit als sentimentaler Akt aufgeklärter Willkür.

Sogar dem hochmütigen Arschkriecher Hacks wurde in seinen besseren Zeiten mal ein Stück verübelt und halb verboten. Gewiß, man kann, wenn man will, den drohenden Verlust von liebgewonnenen Privilegien schon als Repressalie verbuchen. Widerstand und Anpasserei haben fließende Grenzen. Und trotz alledem, das wissen wir, gibt es ein Ja und ein Nein, es gibt immer wieder Richtig und Falsch. Aber eben niemals als abstrakte Norm. Wie weit einer zu weit geht, das ist immer an den einzelnen Schriftsteller gebunden.

Wir waren verfitzt, verfilzt und hochverschwägert mit unseren Widersachern. Es gab ideologische Akrobaten, die in beiden Lagern standen und immerzu die Fronten wechselten. Die tiefen familiären Kontakte zu unseren Todfeinden brachen nie ab, weil wir den Widerspruch alle in uns selber trugen. Mir ging’s damit nicht anders. Zumindest bis zum berüchtigten 11. Plenum im November 65, als ich endgültig und ganz und gar verboten wurde. Das Verdikt war mein Glück, denn ich hätte mich: auch lieber arrangiert.

Vordem hatte ich gelegei dich sogar Margot Honecker getroffen. Ich besuchte sie in ihrem Ministerium nahe dem Brandenburger Tor. Sie redete auf mich ein und gab sich Mühe. Ich war jung, und sie wollte mich retten. Sie ließ sich sogar in ihrer Wandlitzer Bonzenschleuder zur Chausseestraße 131 kutschen, schwebte im Nerz die zwei Treppen hoch und suchte mich heim in meiner Bruchbude. „Wolf, komm zur Vernunft! Hör auf mit solchen Liedern! Das geht zu weit! Wenn du doch bloß zur Vernunft kämest – du könntest unser bester Dichter sein...“ Ja, es ist zum Lachen. Als ob dieses ungebildete alte Mädchen die Zertifikate für den besten Dichter der DDR zu vergeben hätte! Aber so selbstbesoffen dachten die. Und so redeten wir miteinander, ja wir waren Familie, bis aufs Blut zerstritten, aber Familie. Und aller Haß, das Gift, die Galle kamen auch aus dieser familiären Verklammerung mit unseren Unterdrückern.

Gewiß, ich ging in diesem Familienstreit weiter als Christa Wolf. Ich hatte nun mal das schwarze Glück, daß mein Vater in Auschwitz starb und nicht in Stalingrad. Meine Kindheitsmuster sind eben anders, ich hatte nichts wiedergutzumachen.

Wahnsinnig verkehrte Welt: Stasi löst Stasi auf. Havemanns Akten verschwunden. Zwei Gottesmänner kämpfen für die Erhaltung der NVA. Wahrheitsfreunde mit Lügen.

Und ich mußte den neuen Machthabern gar nichts beweisen. Ich sprach im anmaßenden Ton des rechtmäßigen politischen Erben. Und das war auch der Grund, warum ich in meinen Liedern nicht in Sklavensprache sprach. Ich liebte kindlicher und haßte kindlicher und verachtete wilder und ... ich achtete diese alten Genossen mit größerer Selbstachtung, als es die Kinder der Nazis je konnten. Deren lumpenhafte Bescheidenheit paßte nicht zu meiner Biographie. Ich kämpfte naiv ohne Visier, und ich redete immer, auch in Reimen, Klartext. Die Folgen blieben nicht aus.

Sklaven reden halt in Sklavensprache, nichts dagegen! Wer sich darüber mokiert, muß den Aufstand wagen. Und wer das Maul aufreißt, dem wird es gelegentlich gestopft. Ich kann ein Lied davon singen.

Wie weit einer in finsteren Zeiten zu weit geht, daß hängt nicht nur von seiner Persönlichkeitsstruktur ab, sondern auch von der literarischen Gattung, in der er sich bewegt. Ein Romanschriftsteller muß kein Volkstribun sein, er muß sich nicht wie Victor Hugos kleiner frecher Gavroche auf der Barrikade tummeln und dabei schön verbluten. Ich bin schon begeistert, wenn Stefan Heym ein aufregendes Buch über einen Historiker schreibt, der in biblischer Zeit den „König-David-Bericht“ verfassen soll und sich krümmt zwischen Wahrheit und Lüge. Die begründeten Feigheiten dieses Intellektuellen sind lehrreich genug und nebenbei ein Selbstportrait des Autors. Sein gemeintes Selbstportrait aber, das Buch „Nachruf“, ist eine eitle Lebenslüge, in dem Heym uns erzählt, was für ein wasserdichter Held und Hellseher er von Anfang an war.

Der Dramatiker muß nicht ins Getümmel. Wozu soll er tagespolitisches Kaspertheater vorführen. Mir reicht es, wenn er Gott spielt. Er soll die Personae dramatis so aufeinandertreffen lassen, daß ich mir meine Gedanken machen kann und mit meinen Gefühlen ins reine komme. Staatspräsident kann er zur Not immer noch werden.

Anders der Gedichteschreiber und noch anders der Liederschreiber und noch anders der Sänger, wenn er damit auf die große Bühne geht! Volker Braun war seinem provokativen Talent moralisch nicht immer gewachsen. Die sanfte Sarah Kirsch, die stillspöttisch in der Loge saß und in ihre Naturlyrik Muster mit politischen Invektiven hineinstrickte, Sarah war so tapfer, wie die geniale Großfresse Volker es hätte sein müssen.

Und Lieder sind nun mal eine Kunstform, die auch in die Arena muß. Ich saß ja nicht im Wirtshaus wie Schubert und nicht im Salon wie Schumann.

Es war eine greuliche und trotz alledem lebendige Zeit. Die „Wunderbaren Jahre“ waren wirklich wunderbar! Und ich sage das ohne den magensauren Sarkasmus des zerbrechlichen Kunze. Reiner Kunzes bedeutungsschwere Plattheiten im pfäffischen Tonfall gingen mir schon in der DDR auf den Senkel. Und nicht nur mir. Noch heute, nach so vielen Jahren, geht Helga Novak, die große verkannte Dichterin dieses Landes, an die Decke, wenn ich die sensiblen Wege meines Freundes Kunze verteidige.

Ja, es stimmt, ich verteidige ihn. Weil ich gern höre, wie sie dann loslegt: Kunze? Der!! Und dann erzählt sie, wie es an der Journalistenhochschule in Leipzig war, wo Kunze zum Lehrkörper gehörte, ein junger, ehrgeiziger Assistent. Kunze wurde als brutaler stalinistischer Einpeitscher von den besseren Studenten gefürchtet. Gibt es darüber sensible Gedichte? Und wer weiß, wie Kunzes Kindheitsmuster aussieht. Immerhin hat er sich geändert. Aber Stephan Hermlin hält noch heute und öffentlich seine Lobgesänge über Stalin hoch.

Aus dem unendlichen Raunen von Inseln und Ländern

Hebt das Entzücken sich mit seiner Botschaft dahin,

Wo die Verheißungen leben und die Epochen verändern,

Namenlos sich die Zeit endlich selbst nennt:

STALIN

(aus dem Gedichtzyklus „Stalin“ 1949)

Mein lieber Hermlin, das ist doch Dreck! Diese Nibelungentreue in einer Zeit, wo die Ratten das sinkende Schiff der Partei verlassen, ehrt Sie. Aber unter uns: Das einzige unparfümierte Wort in diesem Wortebausch ist doch der Name „Stalin“! Ohne diese stinkenden sechs Buchstaben wären solche Verse nichts als ein Paul-Eluardifizierter Kitsch. Man kann dem georgischen Massenmörder viel, aber nicht jedes schlechte Gedicht in die Schuhe schieben. Aragon war genau so ein stalinistischer Schöngeist wie Sie, aber die Musen küßten ihn, und er schrieb unvergänglich schöne Gedichte. II n’y a pas d’amour heureux.

Was für erschütternde und zudem lehrreiche Verse hätten Sie darüber schreiben können, wie sich Ihre tiefunglückliche Jugendliebe zur Partei in ein abgeschmacktes Bratkartoffelverhältnis wandelte. Statt dessen hockten Sie all die Jahrzehnte auf unzähligen Kongressen in aller Welt und vergeudeten Ihr tiefes Sprachgefühl beim Feilschen um Worte im Bulletin, in Resolutionen, Protestnoten und Ergebenheitsadressen. Sie vertaten Ihre kurze Zeit in endlosen Sitzungen der Akademie der Künste, in Gremien und auf Tagungen. Sie spielten in Ost und West die Rolle des Großen Deutschen Dichters, ein nobler Titel, den ich Ihnen mal in einem Spottlied verlieh, Sie wissen es, um Ihren beleidigten Stolz zu besänftigen.

Dabei weiß ich wohl, daß Sie nach Chruschtschows Geheimrede über Stalins Verbrechen zutiefst erschüttert waren. Und ich weiß sehr gut, daß Sie ein hochkarätiger Literat sind, dessen Urteil ich achte, wenn es nicht grade mit dem Gift der Selbstverteidigung und Selbstbeweihräucherung verdorben ist. Und ich weiß und habe nie vergessen, daß Sie mir am Anfang beistanden und nicht nur mir und immer wieder. Ich hab keine Lust mehr, Ihr Feind zu sein.

Ihre Unterschrift unter die Biermann-Petition vom November 76 haben Sie Ihrem mächtigen Jugendfreund zuliebe leider leider zurückgezogen und haben dann in einer tartüffischen Verrenkung Ihren Widerruf widerrufen – was sollen wir darüber noch lange streiten. Ich kenne doch den Druck und die Ängste, und ich weiß um unsere fatale Geschicklichkeit, jeden Akt der Unterwerfung in eine List umzulügen.

Erinnern Sie sich an den letzten PEN-Kongreß in Hamburg? Peinlich! Ich schneite da rein, zusammen mit Hans-Joachim Schädlich und Jürgen Fuchs, zwei ins deutsch-deutsche Exil gejagte Schriftsteller, die Sie damals noch mit schäbiger Arroganz als „Kriminelle“ abtun wollten. Christa Wolf und Heiner Müller hatten an diesem Tag das Herz, mich freundschaftlich im großen Saal zu begrüßen. Aber der Spitzel Kamnitzer sah alles. Hagers und Mielkes Apparatschiks waren noch an der Macht und hatten ihre Aufpasser im Hamburger Kongreß-Zentrum plaziert. Lassen Sie uns den alten Streit beenden, er ist gegenstandslos geworden. Mir ist so friedensselig zumute, wir haben beide verloren.

Sie kennen gewiß mein Lied „Ermutigung“. Ich schrieb damals aber ein anderes, das nicht so populär wurde: „Große Ermutigung“. Das geht so:

Du, mein Freund, dir kann ich sagen

Ich bin mude, hundemüde

Müde bin ich all die Tage

Die mich hart und härter machten

Ach, mein Herz ist krank von all der

Politik und all dem Schlachten...“

und im Refrain heißt es:

Sag, wann haben diese Leiden

endlich mal ein Ende?

Wenn die neuen Leiden kommen

haben sie ein Ende.

Wenn das kein Trost ist! Endlich haben wir neue Probleme und nicht immer die alten. Auch neuen Streit mag es geben, aber bitte! ich will neuen! und nicht immer wieder den alten Quark.

Aber wie verheerend es auch wird, die Deutschen sind fein raus. Das Elend in den östlichen Ländern, die nicht so einen reichen, geizigen, kurzsichtigen und kaltherzlichen Bruder im Westen haben, wird ins Chaos führen. Die panische Flucht der Juden aus dem hungernden und lynchlustigen Pamjat-Rußland und nun auch und ausgerechnet nach Deutschland – das ist ein schreckliches Zeichen. Es ist ungerecht, daß Gorbatschow, dem wir Deutschen mehr als uns selbst verdanken, jetzt verschlissen wird. Aber es ist ja nicht die Aufgabe der Weltgeschichte, Beispiele für Gerechtigkeit zu liefern.

Die DDR hat es leicht. Es wird schwerer und schlechter gehn, als Kohl es den Heimkindern im Osten versprach, aber besser als vorher. Das gesicherte Dahinsiechen ist vorbei. Alles ist in Bewegung geraten, die lebenslangen Frührentner fangen an ranzuklotzen wie sonst nur am Wochenende auf der Datscha. Der chronische Bummelstreik ist beendet. Auf einem Arbeitsplatz werden sich nicht drei abgestumpfte Leute räkeln. Clevere Beutelschneider werden die schnelle Mark machen, die Schwächeren werden übers Ohr gehaun und doppelt ausgenommen. Neue Reiche, neue Arme, das ist kein Weltuntergang.

Nach dieser Schwemme geschichtsschwerer Tage schmiß ich mich endlich mal wieder in die Nordsee. Vor lauter Windhaschen und Weltbewegen kommt man kaum noch zu solchen wichtigen Nichtigkeiten. Angesagt war, mir Stachel genug, an diesem Tag Badeverbot. Ein Weststurm warf gewaltige Wellen gegen den Strand. Ich schaffte es nicht, durch die Brandung zu kommen. Die Wellen schmetterten meine 140 Pfund zu Boden. Aber dann rissen die zurückflutenden Wassermassen mich mit Macht seitwärts vom Strand weg ins Tiefe und drückten mich gefährlich gegen die Buhnen. Ich hatte Angst und fühlte mich.

Lieber Lew, so ängstlich mag es jetzt der Christa Wolf gehn in den Pressewellen. Und so haben jetzt Leute in der DDR überhaupt Angst um Mieten und Löhne und um den Milchpreis. Aber gemessen an der halben Menschheit, für die gar kein Land in Sicht ist, plantschen wir Deutschen alle in der Badewanne.

Ach und der Presseschaum! Früher nagelte man den Dummen an das Brett vor’m Kopp – heute macht man aus dem Holz vorher Zeitungspapier. Die Produktivität der Industriegesellschaften ist verheerend. Druckereimaschinen und Papier kann man beliebig kaufen. Immer neue Blätter und Blättchen finden Kunden. Aber die Produktion geistiger Substanz kann man nicht so beliebig erweitern wie die Palette kommerzieller Medienprodukte.

Abgebrochene Lehrer und arbeitsscheue Sozialarbeiter, allerhand verhinderte Dichter und lungernde Knittergenies schmieren irgendwelche Artikelchen zusammen und füllen das leere Papier mit ihren Nichtigkeiten. Am greulichsten sind unberühmte Journalisten, die hochkommen wollen. Nebenbeischreiber, die auf den Putz haun, die ihren Mangel an Kompetenz durch Rotzigkeiten ersetzen und die jeden Tag über etwas schreiben müssen, wovon sie nicht wissen. Ich lese kaum noch Kritiken. Auch die lobenden sind daneben und oft blamabler als Verrisse.

Lieber Lew, das war im Stalinismus schlimm, Du kennst es aus Moskau und besser als andre. Ein kleines kritisches Wörtchen in einem Prawda-Artikel über einen Schriftsteller – und schon war seine Existenz vernichtet. Als ich in den Westen geriet, las ich jede Kritik mit diesem Blick. Und wenn irgendein Idiot sich auf meine Kosten profilieren wollte, dann bildete ich mir hysterisch ein, er sei dazu von höheren Mächten, von meinen wohlorganisierten Feinden angespitzt und auf mich gehetzt worden. Die banale Wahrheit begriff ich nur langsam: Hier im Westen darf jeder Plattkopf, wie er will und kann, wenn es sich nur verkauft. Am besten fährt man noch mit wirklich etablierten Journalisten in etablierten Blättern. Nur wer es schon geschafft hat auf dem Markt, der leistet sich gelegentlich eine Meinung und spricht lieber von Angelegenheiten, die er versteht. Schirrmacher und Greiner gehören in diese Kategorie, sie haben einen Streit angefacht, der fällig ist.

Wichtiger als das, was über uns geschrieben wird, ist sowieso unsere Schreibe. Wir haben die längere Puste und haben eigentlich gut lachen. Ich freu’ mich über die Veränderungen. Der historische Stoff für die Lieder ändert sich. Aber wann war das je anders? Als ich 1965 verboten wurde, orakelten etliche Eunuchen, das Verbot würde mich impotent machen. Als ich dann 1976 aus dem DDR-Boden ausgerissen wurde, prophezeiten allerhand Schrebergärtner, die mich offenbar für ihren Strauch halten, vom Biermann würden rote Johannisbeeren nun nimmermehr zu ernten sein.

Inzwischen ist die DDR krepiert und wird ohne Pomp beerdigt. Prompt sorgen sich Leute, die nie was zustande brachten, ich würde nun nichts mehr zustande bringen. Meine Fresse, diese Angst hatte ich von Anfang an selber. Die Musen kann man eben nicht zwingen.

Wenn dieser großdeutsche Kuddelmuddel vorüber ist, zählen sowieso nur unsere Romane, Stücke, Gedichte und Lieder. Das ist mir Trost und Stachel genug. Ich freue mich auf die nächste Erzählung von Christa Wolf und bin gespannt, ob der wortgewaltige Heiner Müller demnächst in der Geschichte doch einen Sinn entdeckt. Daß Günter Kunert immer wieder das liefert, was Marcel Reich-Ranicki ironisch „gute Ware“ nennt, da bin ich sicher. Und Jürgen Fuchs, den ich so bewundere, wird noch Prosa schreiben, die uns satt macht wie das gute trockene Brot der Gerechtigkeit.

Gewiß, ich sehe schwarz, will sagen: schwarzrot-gold. Elftens ärgert mich, daß es in Deutschland anders anders wurde, als ich dachte. Aber erstens bis zehntens freue ich mich, daß die verfluchte Tyrannei zerbröselt ist. Das Fest ist gelaufen, viel Hoffnung wurde wie Fusel gesoffen. Das macht einen schweren Kopf. Und so singe ich nun gegen den linken Kater an:

Wer Hoffnung predigt, tja, der lugt. Doch wer

Die Hoffnung tötet, ist ein Schweinehund

Und ich mach beides und schrei: Bitte sehr

Nehmt, was ihr braucht!

(zu viel ist ungesund) ...

Ach, und die Utopien. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu! Sie steigen auf und leuchten und verbrennen und verblassen und gehn halt unter. Na und?! Die Sehnsucht der Menschenkinder nach einer gerechteren Gesellschaft wird mit jeder Generation neu geboren. Wir können gar nicht anders und wolln es auch nicht.

Von Wolf Biermann sind erschienen die neue Platte „Gut Kirschenessen“ (LP 1 C 066-794272 1 DMM, EMI Electrola, 19,95 DM) und, bei Kiepenheuer & Witsch, der Band mit politischen Schriften „Klartexte im Getümmel“ (18,80 DM)