Von Joachim Nawrocki

Berlin, im August

Das Ende der DDR steht bevor. Mit einem letzten Stöhnen erleidet das Land ein Schicksal, das die mutigen Bürgerrechtler, die im letzten Herbst die Wende herbeiführten, nicht gewollt haben. Die Friedensbewegten, Ökogruppen, Dissidenten und Oppositionellen forderten damals die Beseitigung des Parteienmonopols, freie Wahlen, Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit, die Abschaffung des politischen Strafrechts – und sie merkten nicht, daß sie damit die Abschaffung der DDR forderten, die sie doch als besseren deutschen Staat erhalten wollten. "Ich habe dieser Tage mal die alten Flugblätter aus dem Herbst rausgesucht", sagt Jens Reich, Mitbegründer des Neuen Forums. "Das kann man abhaken, und es ist gut, daß alles so gekommen ist. Haben wir dies geschafft, werden wir auch das nächste schaffen. Aber mit Geld allein ist das nicht zu leisten, da muß ein Funke zünden, da muß eine neue Wut her, statt dieser weitverbreiteten Schafsgeduld."

Das Neue Forum entstand vor knapp einem Jahr. Im September verfaßten seine Gründungsmitglieder im Haus von Katja Havemann unter dem Titel "Die Zeit ist reif" einen Aufruf zur Umgestaltung der DDR, den später Hunderttausende unterschrieben: "Bei 200 000 wuchs uns das über den Kopf." Dies war die erste Bürgerbewegung, die massenhaften Zulauf hatte und bei den zuständigen Behörden sogar die Legalisierung beantragte. Doch die befanden, uneinsichtig bis zuletzt, es bestehe "keine gesellschaftliche Notwendigkeit"; auch Verfassungsfeindlichkeit wurde unterstellt. Bei den Wahlen im März 1989 schaffte das Forum nur im Zusammenschluß mit anderen Bürgerbewegungen den Einzug in die Volkskammer, und bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen wird dieses Bündnis 90 wiederum nur huckepack mit den Grünen in den Bundestag einziehen können.

Doch schon knirscht es im Bund des "Bündnisses". Am vergangenen Sonntag wurde eine Diskussion der gemeinsamen Wahlplattform vertagt. Da finden sich nur grüne Themen: Ökologie, Frieden, Abrüstung, Frauen, multikulturelle Gesellschaft. Die Bundesrepublik und die DDR werden behandelt, als hätten sie nicht die Absicht, sich zu vereinigen. Über Verfassung, Osteuropa, Demokratisierung der Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, Schule, Wissenschaft, Jugend, Alter und vieles mehr schweigt sich das Papier aus. Und das, was drinsteht, sei in hölzernem Politjargon abgefaßt: "Mit solchen Würgephrasen kann man keinen Wähler gewinnen."

"Ich weiß nicht, was wir in Zukunft noch von unseren eigenen Positionen verteidigen können. Das wird sich weniger in der Zusammensetzung der Fraktion im Bundestag zeigen als etwa daran, ob der von Antje Vollmer zum 1. September geplante Aufbruchskongreß Schwung ausstrahlt oder auch nur wieder eine Proklamationssitzung ist. Wir müssen rauskommen aus der Alternative zwischen linker Kleinkariertheit und grüner Kleinkariertheit. Die linke politische Kultur muß offen sein für das ganze politische Spektrum, sonst wird sie sektiererisch. Wir müssen aus der Meckerecke heraus."

Die Grünen in Nordrhein-Westfalen haben Jens Reich einen aussichtsreichen Listenplatz angeboten. Er lehnte ab – die Furcht, im Politgeschäft verbraten zu werden, war zu groß. Wenn zwischen dem Beitritt der DDR und den gesamtdeutschen Wahlen 144 Abgeordnete aus Ost-Berlin nach Bonn delegiert werden und sich nach Auszählung der Listenplätze herausstellt, daß der Abgeordnete Reich zum DDR-Kontingent gehört, "na dann gehe ich eben die paar Monate nach Bonn".