Das dramatische Leben und Sterben des Altbolschewisten Leo Trotzkij: Erst Kritiker, dann Künder der Diktatur

Von Heinz Abosch

Rehabilitiert Trotzkij endlich!“ – „Sieg für den Irak!“ – „Unser Feind sitzt im eigenen Land!“ – Mit solchen Parolen demonstrierten in London 200 Anhänger der Revolutionären Arbeiterpartei, einer von fünfzehn trotzkijstischen Sekten in Großbritannien. Andere ehrten ihr Vorbild an seinem fünfzigsten Todestag mit einem Picknick oder diskutierten über das Ende des Stalinismus. Neues Deutschland, früher das Zentralorgan der SED, brachte – als wäre das ganz selbstverständlich – fast eine Seite über den von Stalin befohlenen Mord an dem großen Revolutionär. Und die Jerusalem Post erinnerte daran, daß Trotzkij schon 1938 vorausgesagt habe, ein zweiter Weltkrieg werde unvermeidlich die physische Auslöschung des jüdischen Volkes mit sich bringen. Was ist von Trotzkij geblieben?

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Leo Trotzkij war sechzig, erschöpft, doch von unermüdlicher Tatkraft bis ans grausame Ende vor fünfzig Jahren. Ein Leben, erfüllt von Kampf, Triumph und Absturz; der tragische Schlußakt entsprach diesem dramatischen Verlauf. Allem Mittelmäßigen abhold, liebte Trotzkij die grellen Effekte; ebenso intelligent wie eitel, strebte er zum Höchsten.

Der Sohn eines jüdischen Landwirts in der südlichen Ukraine hieß eigentlich Leib Bronschtein. In der deutsch-lutherischen Schule „Zum Heiligen Paulus“ zu Odessa war er Klassenerster mit einer Vorliebe für Literatur und Mathematik. Siebzehnjährig schloß er sich der sozialistischen Bewegung an, wurde bald verhaftet und zum erstenmal nach Sibirien verbannt.

Als talentierter Publizist und Redner stand der Fünfundzwanzigjährige schon bei der Revolution in der vordersten Reihe: als Vorsitzender des Petersburger Arbeiterrates. 1917 organisierte er den bolschewistischen Aufstand und führte dann als Kriegskommissar die Rote Armee zum Sieg über die Weißen.