Von Marcel Pott

Die Golfkrise hat der ohnehin notleidenden jordanischen Wirtschaft einen schweren Schlag versetzt. Schon bevor die irakischen Truppen in Kuwait einmarschierten, lastete auf dem kleinen Königreich eine der höchsten Pro-Kopf-Verschuldungen der Erde, krankte es an einer hohen Inflationsrate und hoffte vergeblich auf annehmbares Wirtschaftswachstum.

König Hussein ist wahrlich nicht zu beneiden, denn Mißwirtschaft und eine verfehlte Finanzpolitik haben ihm einen Schuldenberg im Ausland von 8,4 Milliarden Dollar eingebracht. Angesichts der unangenehmen Lage, in die der König durch die irakische Eroberungspolitik geraten ist, sah er sich zu Entscheidungen gezwungen, die dem Land noch mehr wirtschaftliche Probleme bescheren. Die jordanische Regierung hat den Vereinten Nationen mitgeteilt, daß sie Verluste von vier Milliarden Dollar hinnehmen müsse, wenn sie das vom Sicherheitsrat beschlossene Handelsembargo gegen den Irak mittragen solle. Inzwischen hat die Europäische Gemeinschaft auf Bitten der jordanischen Regierung immerhin eine Nahrungsmittelsoforthilfe von 5,5 Millionen Mark bewilligt. Die Lieferungen – 9000 Tonnen Getreide, 200 Tonnen Milchpulver und 500 Tonnen Pflanzenöl – sollen zunächst den Flüchtlingen aus dem Irak zugute kommen, dann aber auch Versorgungsengpässe in der Bevölkerung lindern.

Der Versuch, in der Golfkrise keine oder nur halbherzig Stellung zu beziehen, hat sich bereits negativ ausgewirkt. Ein jordanischer Wirtschaftswissenschaftler beschreibt das Dilemma seines Landes mit dem Satz: "Es ist einerlei, ob wir uns zu dieser oder zu jener Seite bekennen, Schaden erleiden wir immer." Jordaniens verständnisvolle Haltung gegenüber dem Irak, seinem engsten Verbündeten in der arabischen Welt, hat die Amerikaner, die Europäer und die konservativen Golfstaaten verärgert. Die ölreichen Monarchien aber haben bisher dem hochverschuldeten Haschemitenreich die Finanzhilfe geleistet, die es braucht, um nicht in den Staatsbankrott zu stürzen. Zwar hat sich König Hussein mit seiner Rücksichtnahme auf den Irak das Wohlwollen seiner proirakischen Untertanen erkauft, aber das lindert kaum seine Not.

Demgegenüber ist unbestreitbar, daß die Einhaltung des Handelsembargos gegen den Irak auf die jordanische Wirtschaft eine verheerende Wirkung hätte. Jordanien müßte nicht nur nach einem anderen Erdöllieferanten Ausschau halten, da Bagdad 82,5 Prozent des jordanischen Bedarfs zu freundlichen Bedingungen deckt. Amman würde darüber hinaus 180 Millionen Dollar allein dadurch verlieren, daß es sein Öl woanders einkauft.

Die Jordanier, die von den Vereinten Nationen einen finanziellen Ausgleich fordern, wenn sie sich den Sanktionen gegen den Irak anschließen sollen, haben den Finanzexperten in New York vorgerechnet, daß sie in diesem Fall jährlich 200 Millionen Dollar im Exportgeschäft einbüßen und auf rund 925 Millionen Dollar im Transitsektor verzichten müssen. Der Irak ist seit geraumer Zeit für Jordanien der wichtigste Handelspartner, und viele jordanische Firmen in der Leichtindustrie produzieren mit Blick auf die Bedürfnisse des irakischen Marktes. Weitere Verluste erwartet die jordanische Regierung bei Beachtung des Embargos dadurch, daß der Irak die Rückzahlung seiner Schulden in Höhe von 310 Millionen Dollar stoppen würde. Außerdem würden die Verpflichtungen Jordaniens noch dadurch um annähernd 2,6 Milliarden Dollar steigen, daß das Land als Bürge Iraks gegenüber dritten Staaten in Anspruch genommen würde. Vermutlich handelt es sich bei diesen Bürgschaften um die Absicherung irakischer Waffenkäufe bei einem europäischen Land.

Jordanische Gastarbeiter in Saudi-Arabien haben offenbar schon Probleme bei der Erneuerung ihrer Arbeitserlaubnis. Wenn sie nach Hause zurückkehren müssen, steigt die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit, außerdem bleiben dann ihre Rücküberweisungen in Devisen aus.