Solange die Berliner Mauer stand, gab es Mauertote, Mauerpoeten, Mauermaler und Mauerschreier. Und seitdem die Mauer in Stücke ging, gibt es in Berlin-West die Mauertrauer; und um zu retten, was noch zu retten war, sprang wie gewöhnlich ein Slogan ein: Kuschelmauer hieß sie im Rückblick plötzlich, und Mauersteinsammler griffen nicht mehr so hart zu, und so manches verstohlene Winke-Winke erreicht den übriggebliebenen Schutt.

Kuschelmauer. Kam diese Anpreisung aus einem halbwegs gereinigten Soziologendeutsch, wurde sie im Schneidersitz auf den Teppichböden der teilweise verbeamteten Intellektuellenszene hervorgebracht, entstand sie an jenen Stammtischen, wo man den zwanziger Jahren süffig nachtrauert und nun vom schwindenden Gefühl des kreativen Eingebunden-Seins in die verflossene, mauergesicherte Kesselkultur tuschelte?

Ich habe die Kuschelmauerschöpfer gesucht, aber unter den Leistungsdruckverweigerern, den Utopieanhängern und den Geburtshelfern der aggressiven Demo-Kultur machte sich keiner mausig; in Kneipen mit Stehtischen und in Imbißbuden mit türkischen Wurstbratern, in Cafehäusern mit Rentnerinnen-Kränzchen und unter denen, die im Underground ein gruseliges Stück New York hingekleckert hatten, machte sich der neue Titel Luft, und bei den Linken, die inzwischen überall behaupten, heimatlos geworden zu sein, und auch wirklich so tun.

Ihnen stellte ich alteingesessene Manager-Typen gegenüber: „Na und“, hieß es gleich, „Kuschelmauer hin und her, ein fester Händedruck regelte hinter der Todeshürde schließlich immer alles unter uns.“

Ein Barmixer munkelte: „Was da jetzt auf einen zukommt, der Elite-Tourismus ist angesagt.“

Und ein Bordellwirt will seinen Betrieb mit Hilfe verdeckter Ostberliner Investitionen durch Filialen erweitern; er sieht das Ganze von unten.

Eine Frau, die den Slogan kannte, hielt mich zuerst für einen Horchposten aus Ost-Berlin, sie ist in Berlin-Mitte geboren, hält Abstand zu den Spät-Berlinern und hat gesagt: „Die Mauer schützte doch die beiden ,Familienbetriebe‘ hüben und drüben voreinander, verhalf zu weltweiten Lippenbekenntnissen und Ordensschmuck für die Bewacher, selbst die Wolken über uns wurden angestrahlt, der Bühnenhimmel glänzte. Und was die ‚Kuschelmauer‘ angeht: In dem Titel ist auch irgendwie Musike drin, ich sag mal, eine Art langsamer Walzer mit Geige, Cello und Klavier.“