Von Karl-Heinz Janßen

Läge es nicht auf dem Tisch, zwölfhundertvierundsechzig Seiten stark, im Großformat und eng bedruckt, man glaubte es nicht, daß heutzutage noch einer Kraft, Zeit und Mut aufbringt, deutsche Geschichte aus einem Guß zu schreiben, von den Anfängen bis heute. Ein noch jüngerer Lehrer aus Hamburg hat es vollbracht, in zehnjähriger Müh’, und ein kleiner Verlag hat es gewagt, das Werk in sein Programm zu nehmen:

  • Jürgen Mirow:

Geschichte des deutschen Volkes

Casimir Katz Verlag, Gernsbach 1990; 1264 S., Abb., 78,– DM

In den letzten Jahren wurden zusammenfassende Darstellungen der deutschen Geschichte nur noch im Team (hüben) und im Kollektiv (drüben) vollendet: Eine Reihe von Fachleuten teilten die Themen untereinander auf; oder man nahm sich ein paar Jahrhunderte vor und teilte die einzelnen Epochen jeweils einem Historiker zu. Mit so großem Atem zu schreiben, wie es noch Ranke, Mommsen, Treitschke konnten, sei menschenunmöglich geworden, wurden wir belehrt, denn niemand vermöchte noch die gewaltigen Stoffmassen aus vielen hundert Jahren zu bewältigen, niemand auch nur die Abertausenden von Dissertationen oder die zig Bände an Akteneditionen durchzuarbeiten. Und wo wäre das polyglotte Genie, das beim Studium der Quellen mühelos lateinische, französische, englische, russische, polnische und schwedische Texte im Original läse?

Doch war es nicht eher eine ideologische Unsicherheit, welche seit 1945 die Historiker hemmte, sich an eine Nationalgeschichte zu wagen? Ist sie nicht ohnehin ein Unding in Deutschland? Noch um 1800 hatte jeder größere deutsche Territorialstaat seine eigene Nationalgeschichte. Heute blieben allzu viele Deutsche draußen, beschränkte man sich auf das Land zwischen Oder und Rhein. Auch Modelle wie das des jüngst gestorbenen Kieler Historikers Karl Dietrich Erdmann von dem einen Volk, den zwei Nationen und den drei Staaten helfen da kaum weiter. Wohin mit Schweizern und Holländern, die doch einmal zum Alten Reich gehörten, wohin mit Südtirolern, Elsässern, Letzeburgern, Eupenern, den Siebenbürger Sachsen, den Wolgadeutschen, den Kolonisten in Brasilien, den Teilnehmern der alljährlichen Steubenparade?