Von Helmut Schödel

„Too much blood.“ Mick Jagger

I. Eine Art Glück

Auf seinem Teakholzbett liegt in einer Blutlache ein erschlagener Mann. Über dem Polizeiphoto steht: „Tötungsdelikt z(um) N(achteil) Walter Sedlmayer“. Am 15. Juli 1990, als die Tat geschah, wußte die Polizei weder, wie man den Namen des Toten schreibt, noch, wie tief das Dunkel sein würde, das die Aufklärungsversuche überschattet. Die Boulevardpresse spricht bald von „Blamage“, von einer „Krise der Kripo“.

Der Tote, der vielleicht ein bayerischer Hans Moser war, hätte vermutlich gelassener reagiert. In seiner bekanntesten Rolle war er selber ein Münchner Polizist, der Schöninger von der „Polizeiinspektion 1“. „Wenn der Mörder nicht gleichzeitig ein Fahrraddieb ist“, hätte sich Schöninger gedacht, „find ma den nie“; wäre nach Hause geradelt, in seine Pantoffeln geschlüpft und hätte zu seiner Frau gesagt: „Mamma, heut hams uns den Sedlmayr umbracht. Da schenkst mir jetzt ein Weißbier ein. I muaß nachdenke, Mamma, über die Fahndung.“

Nachdenken: das hätte bedeutet, sich schön langsam mit der Tatsache abzufinden, daß möglicherweise ein gedungener Berufskiller – eine der beliebteren Vermutungen über den Mörder – längst wieder in New York oder Palermo sitzt. Und irgendwann wäre Schöninger aus seinem Nachdenken hochgeschreckt und hätte, in der Pose des erschöpften Experten, seine Gedanken mit der Frage abgeschlossen: „Sag amal, Mamma, wo liegt jetzt eigentlich Palermo?“

So waren sie, Sedlmayrs Mittelständler und Kleinbeamte. Einerseits Katalog-Bayern: Sedlmayr verlieh ihrer Ignoranz, was sie in Wirklichkeit gar nicht hat – Charme. Er, der begabte Kleinbürger-Darsteller, der angebliche Volksschauspieler, war immer auch ein PR-Mann, nicht nur als Bierwerber für die Paulaner-Brauerei, sondern auch als Schauspieler. Er hat es geschafft, daß ihm ein Millionenpublikum den gemütlichen Grantler abkaufte, den liebenswerten Despoten, den pfiffigen Provinzler.

Aber für gute Kunden und Stammgäste gibt es am Ende immer noch etwas umsonst, „einen aufs Haus“. Das war auch bei Sedlmayr so, schon lange bevor er auch Wirt wurde (in einem Gasthaus gleich beim Viktualienmarkt). Einerseits spielte er Katalog-Bayern, andererseits verbargen sich unter den Trachtensakkos unübersehbar die Blockwart-Seelen. Diese Figuren hatten zwei Gesichter, auch eine Art Doppelleben.

Sedlmayrs Kritik schien erträglicher, als man ihn streichartig einfach zu einem bayerischen Original ernannte. Er aber schien eher hin- und hergerissen, angezogen und abgestoßen von seinen Figuren. Wie andere einen jugendlichen Liebhaber oder einen Schurken, spielte er seine Bayern, allerdings so raffiniert, daß er ihnen zum Verwechseln ähnlich wurde. Was also lag näher, als ihn zu verwechseln.

Dann kam der Mord. Bayern und Sodom, Ober- und Unterwelt, Tracht und Niedertracht purzelten durcheinander. Der Hammer des Mörders traf nicht nur Sedlmayr. Auf einmal war der Publikumsliebling ein Monster, der bayerische ein schwuler Mann. Die Presse hatte über all die Jahre dichtgehalten und eisern die Geschichte vom ewigen Junggesellen erzählt. Jetzt aber wurde um so rücksichtsloser ausgepackt. Sedlmayrs Chauffeur – angeblich ein ehemaliger Callboy. Sein privater Umgang – Strichjungen. Seine Sexualität – eher de Sade als Ludwig Thoma.

Die Münchner Abendzeitung startete sofort eine miese, als Aufklärung getarnte Schmuddel-Sene über Homosexualität – wie sie leben, wie sie lieben, wo sie sich treffen –, und der Rest der illustrierten und der Boulevardpresse redete vom Leben Sedlmayrs als Skandal und Tragödie. Hinter allem stand die unerschütterliche Gewißheit des Bürgers, daß dort, wo seine Welt aufhört, kein Glück sein könne. In einer Illustrierten erschien ein Photo, das Sedlmayr mit Stockschirm und gekleidet wie ein Herr in einem Park neben einem Baum zeigt, ein Auge im Dunkeln, der Gold-Daddy der Stricherszene. Mit Sedlmayr machte ein Wort Karriere: Doppelleben.

Am Anfang schien die Antwort noch einfach. Wie viele Leben hat ein Mann mit einem Doppelleben? Eigentlich gar keines. Aber im Verlauf der schier endlosen Berichterstattung kam halb lüstern, halb neidisch die klammheimliche Frage auf: oder zwei?

Wenn die erotische Welt derart kopfsteht, meldet sich gewöhnlich ein international bekannter Fachmann zu Wort: Rosa von Praunheim, das schwule Emanzipationsidol. Er ließ uns auch diesmal nicht warten und schrieb (in der Bunten): „Sedlmayr könnte noch leben.“ Unter zwei Bedingungen: wenn, erstens, unsere Gesellschaft nicht so schwulenfeindlich wäre und, zweitens, Sedlmayr sich zu seiner Veranlagung bekannt hätte. Er könnte noch leben, wenn nicht weniger als alles anders wäre.

So sprach Praunheim. Danach konnte auch unsereiner nur noch ein Weißbier leeren. Denn jetzt mußte nachgedacht werden. Wenn auch keine Antwort, so fielen mir immerhin Bilder ein – von Erschlagenen.

II. A Day in the Life

An einem Tag im August des Jahres 1967 wurde der englische Dramatiker Joe Orton in seiner Londoner Wohnung mit neun Hammerschlägen auf den Kopf getötet. Die Evening News meldeten: „Hammer Attack Franzy“. Joe Orton („Für mich ist Begierde ein Gefühl, das nicht von Wut zu unterscheiden ist“) wurde von seinem Freund Halliwell, der neben Ortons Leiche Selbstmord beging, erschlagen. Bei Ortons Beerdigung spielte man sein Lieblingslied, John Lennons „A Day in the Life“.

Nicht mehr als eine Kuriosität also ist, was der deutsche „Bundesverband Homosexualität“ verlautbarte, als der Hammer auch Sedlmayr traf: „Kein Schwuler bringt einen anderen um.“ Es müsse sich um einen heterosexuellen Täter handeln, der sein Opfer aus Haß auf Homosexuelle abgeschlachtet habe.

Auch Orton hat sein Leben seiner Karriere zuliebe nicht hinausposaunt, sich aber nichts verboten. Der englischen Ausgabe seiner obszönen Tagebücher sind Photos beigefügt, auf denen er eindrucksvoll in Badehose posiert: „I shall be the most perfectly developped of modern playwrights if nothing else.“ („Unter den modernen Dramatikern werde ich der mit dem perfektesten Körper sein, wenn schon nichts anderes.“)

Schäbiger als die schwule Subkultur und ihr Strich ist in Ortons Erfolgsstück „Seid nett zu Mr. Sloane“ der Mittelstand. Schauen wir uns Kathy an: lebt beim Vater, einem säuerlichen Despoten, kuscht und ist doch immer noch, was der Vater befürchtet – ein verhindertes Flittchen. Ed, ihr Bruder, in dem der Vater den Onanisten verachtet, ist ein Schwuler, der sein Coming out versäumt hat, Inkarnation des Doppellebens. Interessanterweise will er Sloane, der laut Orton-Biograph John Lahr den selben knabenhaften Körper, die glatte Haut, das jungenhafte Gesicht und einen Überlebenspragmatismus wie sein Autor hat, ausgerechnet als Chauffeur anstellen.

Kathy trifft Mr. Sloane in einer Leihbibliothek, wo er nicht nur Bücher, sondern auch sich selber ausleiht. Er ist nicht nur ein Stricher, sondern auch ein Mörder, hat einen Mann getötet, der von ihm Pornophotos machen wollte. Als nächsten bringt er Eds und Kathys Vater um. Kathy weiß, warum: „Er war grob zu Mr. Sloane.“ Jetzt haben sie Sloane in der Hand. Es ist ihnen egal, was er getan hat, sie wollen ihm die Hosen ausziehen. Ed und Kathy teilen sich einen Strichjungen.

Nicht nur aus Geilheit. Sie hassen das kleinbürgerliche Leben, das ihnen aufgezwungen wurde, samt der Doppelmoral. Das bürgerliche ist nur ihr zweites Gesicht. Sie verlieben sich in Mr. Sloane und seine kriminellen Energien wie in die Wahrheit über ihre Klasse. In seinem Stück „Funeral Games“ schreibt Orton: „All classes are criminal today. We live in an age of equality.“ („Alle sind kriminell heutzutage. Wir leben in einem Zeitalter der Gleichheit.“) Mit Hilfe der schönen Gestalt von Mr. Sloane beginnt Eds und Kathys erstes Verhältnis mit der Wirklichkeit.

A Day in the Life: An einem Tag im November des Jahres 1975 wurde Pasolini mit zerschmettertem Kopf in Ostia gefunden. Der Strichjunge Pelosi hatte ihn mit einem Brett niedergeschlagen und dann mit seinem Auto überfahren. Drei höchst unterschiedliche Leute – der Bürger Sedlmayr, der Hedonist Orton und der Intellektuelle Pasolini – haben einen Tag im Leben gemeinsam, ihren letzten Am Ende liegen sie mit zerschlagenem Kopf als Opfer da. In Hubert Fichtes nachgelassenem Roman „Der kleine Hauptbahnhof oder Ein Lob des Strichs“ fragt ein Herr von der Sitte Hannover: „Haben Sie keine Angst, ermordet zu werden?“ Antwort: „Nein. Für einen Schwulen ist es doch eigentlich der natürliche Tod. Ich finde es eher eine Leistung.“ Das ist, um auch beim „Bundesverband Homosexualität“ alle Irrtümer auszuschließen, keine antischwule Parole.

Schon in seinen frühen Texten – „Unkeusche Handlungen“ und „Amado mio“ – entwickelt Pasolini ein „Schändungsbewußtsein“ (ein Pendant zum Sendungsbewußtsein), heißt Leben auf italienisch „Orgia“. Was ihn reizt: „diese Atmosphäre einer jenseits der Zeit, vor dem Tod gefeierten Orgie“, Skandalisierung des Normalen. Davon träumte auch Orton. Und es ist biedersinnig zu glauben, daß es Sedlmayr darum ging (oder daß es ihn glücklicher gemacht hätte), unter den herrschenden Verhältnissen unbedingt ein bürgerliches Leben zu führen.

Die Lebensentscheidungen dieser Männer können sich gar nicht auf etwas Normales beziehen, sondern immer nur auf etwas vollkommen Perverses: die Geschichte einer Diskriminierung.

III. Erich X., 1900 bis 1986

Am 5. Juli 1935 holten sie Erich ab. Als er gerade zur Arbeit gehen wollte, klingelte es. Er wurde verhaftet. „Gegen uns ging es nach dem Röhm-Putsch richtig los“, schreibt Erich in seiner Lebensbeichte, enthalten in Jürgen Lemkes zuerst im DDR-Aufbau-Verlag erschienenen Sammelband „Ganz normal anders. Auskünfte schwuler Männer“. „Es hatte sich längst rumgesprochen, daß einige von uns verschwunden waren. Gerechnet habe ich damit auch. Nur, was hätte ich schon tun können? Ins Ausland gehen? Dazu fehlte mir das nötige Kleingeld.“

Erich wird abgeholt. „Vom ersten Tag an herrschte Klarheit. Von allem, was die Nazis im Keller zusammengepfercht hatten, waren wir das Letzte. Darüber wurden wir auch nicht fünf Minuten im Zweifel gelassen.“ Zur Verfolgung der Juden und Kommunisten war eine aufwendige Propaganda nötig. Daß die Schwulen umgebracht wurden, mußte Goebbels den Deutschen nicht eigens begründen.

„Als Sachsenhausen errichtet war, kam ich dorthin. In den Hundertfünfundsiebziger-Block. Sachsenhausen war grausam. Da sind viele von uns nicht durchgekommen. Neben uns lag die Strafkompanie. Die und wir mußten in den Ton. ‚Todesgrube‘ hieß die Tongrube. Regnete es, bekamst du die Schippe nicht mehr hoch. Aber die Loren für das Klinkerwerk mußten ständig voll sein. Wir haben immer und überall, in jedem Lager, die schwerste und mistigste Arbeit machen müssen. Die Intellektuellen sind zuerst kaputtgegangen. Vom Kaffeehaus ins KZ, das haben die meisten von ihnen nicht verkraftet.“

Erich empfand es als eine Art Glück, von Sachsenhausen in das KZ Flossenbürg verlegt zu werden: „ein kleineres Lager, besseres Essen“. Er überlebte. Als er sich Anfang der fünfziger Jahre in Ost-Berlin eine Wohnung nahm, „ging der Abschnittsbevollmächtigte von Haushalt zu Haushalt, da, wo junge Männer lebten, und informierte: Erster Hinterhof, Mitte, zwei Treppen, rechts, da zieht ab nächsten Ersten so einer ein. Vorsicht!“

Sedlmayr war 64 Jahre alt, als er ermordet wurde. Er war schon 14, als Erich 1940 nach Flossenbürg verlegt wurde. Wagt es irgendeiner, Sedlmayr sein Doppelleben nachzutragen?

IV. Auf dem Friedhof

Heute wird Sedlmayr beerdigt! Die Reporter der Privatradios kündigten großspurig ihre Reportagen an – live vom Friedhof. Aber dann gab es gar nicht viel zu berichten. Die Prominenz blieb der Bestattung fern. Der hier beerdigt wurde – das war „so einer“.

So einer wie zum Beispiel Gustav von Aschenbach. Als er sich in Thomas Manns Erzählung „Tod in Venedig“ am Lido in den schönen Knaben Tadzio verliebte, brach die Cholera aus. Tod, Todesboten, Todeskrankheiten gehören seit je zur Ikonographie homoerotischer Ästhetik, die sich immer wieder erfüllt. Als wollten die Außenseiter der kranken Gesellschaft den Spiegel vorhalten. So wurde Sedlmayrs Tod am Ende als Affront verstanden.

Falls an diesem Abend nach Sedlmayrs Bestattung die Alpen glühten, müßten sie schamrot gewesen sein. Der Fall Sedlmayr: Ein Bewohner der Ghettos wird zu einem Symbol für Heimat (Bayern und Paulaner Bier). Der Trauerfall war zugleich eine schwarze Komödie, der Erschlagene zu Lebzeiten ein Felix Krull aus der Subkultur. Jetzt senkten sich die Blicke. Hoffentlich nicht nur, weil sich seine Kollegen und Verehrer als Übertölpelte vorkamen.

Pasolini hatte seine Heimat Friaul bald verlassen und zog durch die Elendsviertel von Rom. Dort fand er seine „ragazzi di vita“, die schönsten Hurensöhne, die attraktivsten Tagediebe. Heimat, das ist nicht nur dort, woher wir kommen, sondern auch, wohin wir gehen.