Ost-Berlin, an einem Samstagmorgen Ende April. In der Klubgaststätte Karl-Liebknecht-Allee 30 versammelt sich eine knappe Hundertschaft von Historikern, um einen unabhängigen Historikerverband der DDR zu gründen, ein Fernsehteam aus West-Berlin hält die Szene fest. In ihrer Einladung haben die Initiatoren des Treffens die Lage der DDR-Geisteswissenschaften so charakterisiert: "Auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften herrscht eine erschreckende Situation. Jahrzehntelang erstickte ein ungenießbarer Brei aus Lüge und Halbwahrheit jede freie geistige Regung. Scholastische Albernheiten und abgestandene Gemeinplätze wurden als ‚einzige wissenschaftliche Weltanschauung‘ ausgegeben... Das traurigste Los aber traf die Geschichtswissenschaft."

Das Treffen war die Antwort einiger jüngerer Akademie-Historiker auf eine Versammlung der Historiker-Gesellschaft der DDR, der offiziellen, vielköpfigen Organisation (etwa 2600 Mitglieder) der DDR-Geschichtswissenschaft, die – im Unterschied zum Historikerverband der Bundesrepublik – gleichermaßen Universitätshistoriker und Geschichtslehrer umfaßt. Am 10. Februar hatten sich in Berlin über 500 Mitglieder dieser Gesellschaft getroffen, um über die neue Lage zu beraten, die in ihrer Unübersichtlichkeit auch deren Präsidium überforderte. In einer Erklärung vom 10. November 1989 hatte es die DDR noch "in einer tiefen gesellschaftlichen Krise und am Beginn eines Prozesses revolutionärer Erneuerung des Sozialismus" gesehen. Man bekannte sich zur Verpflichtung, "in das geistige Leben unseres antifaschistischen sozialistischen Staates historisches Wissen ... einzubringen", und versicherte, "nicht alles in Frage zu stellen". Ganz im Sinne dieser Lagebeurteilung unterschrieben die Teilnehmer einer Präsidiumssitzung der Gesellschaft am 29. November auch den Aufruf "Für unser Land".

Das Februartreffen wurde von Heinrich Scheel, dem Präsidenten der Historiker-Gesellschaft, mit der Forderung nach einem "absolut neuen Selbstverständnis" eingeleitet. Was immer jedoch an Anträgen während dieser Versammlung eingebracht wurde, es enthielt inhaltlich wenig Neues, und Brisantes wie die Rehabilitierung verfolgter Historiker wurde vertagt. Am Schluß wurde ein neues Präsidium gewählt, das aber auf keinen neuen Kurs hoffen ließ. In der neuen Satzung wurde sowohl ein Bekenntnis zu einer pluralistischen Geschichtswissenschaft wie auch zur Verfassung der DDR untergebracht. Einem Teilnehmer – später Mitgründer des unabhängigen Verbandes – kam dieses Treffen, wie er absichtsvoll polemisch formulierte, wie eine Versammlung von Prostituierten vor, die unter Führung ihrer Zuhälter einen Sittlichkeitsverein gründen wollten.

Soweit die "deutsche Revolution" innerhalb der DDR-Geschichtswissenschaft. Die Institutionen bestehen noch, bangen um ihr Geld, haben zuweilen ihre Namen geändert, aus dem in der "Geschichtsprovinz" gefürchteten Institut für Marxismus-Leninismus wurde das Institut zur Geschichte der Arbeiterbewegung. In den historischen Lehrveranstaltungen der Universitäten wird der schwierige Balanceakt zwischen Kontinuitätswahrung und Neuorientierung geprobt, man schaut in den Spiegel der eigenen Bücher und Artikel und versucht den lästigen Nachhall der alten Parolen zu übertönen.

Hier schon zeigten sich erhebliche Differenzen: In Leipzig trug der Sozialhistoriker Hartmut Zwahr am 3. November die "gallebittere" Wahrheit über die DDR-Geschichtswissenschaft vor, die er von den "internationalen Forschungstrends" abgeschottet und von "Selbstzensur" und "Theorieverlust" geprägt sah. Während er eindeutig die Zerschlagung des "administrativen Systems" forderte, versuchten sich Berliner Historiker in Interviews noch als Retter des wahren Sozialismus und glaubten mit dem Zugeständnis eines "innermarxistischen Pluralismus" davonzukommen. Walter Schmidt, als Direktor des Zentralinstituts für Geschichte einer der mächtigsten Historiker der DDR, hielt es Ende Oktober 1989 für "geradezu absurd, vom Scheitern des Sozialismus zu sprechen".

Verfolgt man die Äußerungen führender Historiker während der letzten Monate, fällt die immer nur nacheilende Wahrnehmung und Anerkennung der neuen Wirklichkeit auf. In den personell überbesetzten Instituten der Akademie macht sich eine resignative Stimmung breit, da niemand weiß, ob der bisherige Arbeitsplatz in einigen Monaten noch existiert. Eilige Westkontakte werden von den Kritikern als Anbiederung der alten Kader gedeutet, die sich jetzt im Westen ihre "Persilscheine" besorgen wollten.

Die Situation der DDR-Geschichtswissenschaft wirft in diesem Sommer 1990 viele Fragen auf. Was ist bislang gelehrt worden? Entsprach die Praxis der DDR-Geschichtsforschung tatsächlich den Horrorvorgaben des "Wörterbuchs der Philosophie" und der Parteitagsbeschlüsse? Gab es nur parteitreue Historiker, die die Vorgaben der Abteilung Wissenschaft des Zentralkomitees und Kurt Hagers Einlassungen in entsprechende Buchtitel oder Ausstellungskonzepte umgesetzt haben? Wo sind die Dissidenten, wo die Opfer des Systems? Gibt es den Adam Michnik, den Bronislaw Geremek der DDR? Schließlich, was soll aus den Universitätshistorikern und der ungleich größeren Zahl von Historikern der Museen und Akademie-Institute werden? Wie kann man erreichen, daß das Ausbildungsniveau der DDR-Fakultäten denen der Bundesrepublik angeglichen wird, denn nur so wird der große Run auf die westdeutschen Universitäten zu verhindern sein?