Von Eva Meschede

München

Es gebe eben Spannungen zwischen Recht und Gerechtigkeit, hatte der Vorsitzende Richter Hans Thomma während der Verhandlungen im Juni zugegeben. Und so war es nicht überraschend, daß die 6. Zivilkammer des Münchner Landgerichtes I die Sache Waltraud Blass gegen Siemens abschlägig beschied: den Musterprozeß einer Zwangsarbeiterin des NS-Regimes gegen die Firma, der sie damals für neun Monate zugeteilt worden war – das Verlangen, nach 45 Jahren wenigstens Lohn, Rentenversicherung und Schmerzensgeld für diese Zeit zu bekommen. Der Kern der nun vorliegenden schriftlichen Urteilsbegründung: „Da die Verjährung eingetreten ist, kann dahinstehen, ob die geltend gemachten Ansprüche bestehen.“

Das Schicksal von Waltraud Blass ist ein Beispiel für das Unrecht, das acht bis zehn Millionen Zwangsarbeitern im Dritten Reich zugefügt wurde. Am 23. März 1943 verhaftet die Gestapo die 23jährige Arbeiterin Blass; sie kommt aus einer kommunistischen und gewerkschaftlich engagierten Familie und wird der „Vorbereitung zum Hochverrat“ beschuldigt. Im November 1943 bringt man die junge Frau ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück.

Die Firma Siemens hatte neben dem Konzentrationslager Produktionsstätten gebaut und mit einem elektrisch geladenen Doppelzaun und hohen Wachtürmen gesichert. Dort mußten die KZ-Häftlinge für Mikrophone, Feldtelephone, Bombenabwurfgeräte und U-Boot-Elektronik Spulen wickeln, löten, montieren und justieren. Waltraud Blass wird den Arbeitskommandos zugeteilt. Sie erinnert sich: „Eines Tages kamen einige Männer vom nahe liegenden Siemens-Werk. Man ließ uns in Reihen antreten, und wir wurden zuerst körperlich begutachtet. Wir waren für diese Herren nichts als eine Ware. Abgemagert, mit blaugefrorenen Beinen und in schlotternden Kleidern standen wir vor ihnen.“

Die Arbeit ist hart: zwölfstündige Nachtschichten, für die es als Lohn Wassersuppe oder an guten Tagen ein dünn mit Leberwurst bestrichenes Brot gibt. Dazu kommt die Kälte. Die Frauen steckten sich Putzlappen unter die dünnen Kleider, um nicht zu erfrieren. Die größte Angst ist, für arbeitsunfähig erklärt zu werden: „Nur durch Arbeit konnten wir unser Leben erhalten“, sagt Waltraud Blass. Sie hat Glück – noch im September 1944 wird sie in Dortmund vor Gericht gestellt und wegen mangelnder Beweise freigesprochen. Nach dem Krieg heiratet sie einen Mann, den sie 1943 nach ihrer Verhaftung im Polizeigefängnis kennenlernte, wo er auf den Abtransport ins Konzentrationslager wartete.

Nach dem Krieg werden Waltraud Blass nach dem Bundesentschädigungsgesetz fünf Mark für jeden Tag KZ-Haft zugesprochen. Von Krediten und den mageren Haftentschädigungen kauft sich das Paar 1950 eine kleine Druckerei; 1978 stirbt der Ehemann. Heute ist Waltraud Blass siebzig Jahre alt und lebt in Wuppertal. Und sie verklagt Siemens auf 2400 Mark Lohn, 10 000 Mark Rentenversicherung und 50 000 Mark Schmerzensgeld. Vorerst vergeblich, wie sich gezeigt hat.