Von Urs Widmer

Manche nennen Charles Ferdinand Ramuz, der seine Vornamen so wenig mochte, daß er sie nie ausschrieb, den Robert Walser der französischen Schweiz, und gewiß geben beider Leben und Werk dazu mehr als einen Anlaß. Beide sind 1878 geboren. Beide zog es in jungen Jahren in ihre kulturellen Hauptstädte (Berlin, Paris), aus denen sie einigermaßen verstört zurückkehrten, obwohl sie Freunde und literarische Anerkennung gefunden hatten. Beide wurden dann in hohem Maß "helvetische Autoren", und sogar die gespielte Naivität ihres Schreibens gleicht sich. Beide stellten sich "blöder" als sie waren, verwandelten sich aus vereinzelten Einsamen in jemanden aus dem Volk, ja ins Volk selber. Versuchten auf dem Umweg über das Kleine das Allergrößte zu erreichen.

Ein Bauer in Paris

Ramuz selber allerdings, von dessen vielen Vorurteilen das gegen die Deutschschweizer eins der heftigsten war, hat wohl zeitlebens nie von Walser gehört, während dieser ihn zwar las, aber nicht allzuviel von ihm hielt. Carl Seelig berichtet in seinen "Wanderungen" (wir sind im Jahr 1947): "Gespräch über den soeben gestorbenen Charles Ferdinand Ramuz. Robert gibt zu, daß er der markanteste Schriftsteller der Westschweiz ist. Aber er findet seinen Regionalismus überholt und manchmal forciert. Die Kunst müsse ihre Augen heute auf die ganze Menschheit richten, nicht auf das Bäuerliche der Heimat, das in Gotthelf schon seinen unnachahmlichen Gestalter gefunden habe."

Dabei war dieser Ramuz alles andere als ein Bauer. Stammte aus der Stadt, falls man Lausanne eine Stadt nennen will, und aus einem Milieu, das lieber von Umsätzen und Rendite sprach als von Büchern. Zeitlebens haßte er dann die Bürger und ihre Lebensmitte, das Geld, begeisterte sich dafür für den Kommunismus (nur kurz) und die Bauern seiner Heimat (immer heftiger), in denen er das ganz andere sah. Später konnte er glauben, er habe sich in seinem 18. Lebensjahr selber "exiliert" – in eine zwar marginale, aber reine Lebensform, in der das Geld keine Rolle spielte – und hatte vergessen, daß ihm das lange nur möglich war, weil ihn der Papa, der üble Krämer, finanziell unterstützte. Nicht gerne natürlich.

Mit seinem frühen Entschluß, ein Dichter zu werden, wurde er das schwarze Schaf der Familie und mit seinem späteren, kein Pariser Literat zu sein, eins der französischen Literatur. Denn damals schon, und mit besseren Argumenten als heute, nahm Paris übel, wenn man in ihm nicht die einzig mögliche Existenzform sah. Zwar lebte der vermeintliche Bauer jahrelang in diesem Paris, fühlte sich aber mehr und mehr am falschen Ort. Nicht nur der Krieg trieb ihn zurück. 1914 siedelte er sich mit dem ausformulierten Plan in seiner Heimat an, ein regionaler Autor zu werden: auf dem Umweg über das scheinbar Geringe das Höchste zu erreichen.

Ob ihm das nun ganz gelang oder nur halbwegs: Es ist ein Versuch, der mit jenen nicht viel später loswuchernden Blut-und-Boden-Konzepten nichts zu tun hatte, und mit handgestricktem Heimatdenken auch nichts. Ramuz war ein radikal auf seine Unabhängigkeit bedachter Intellektueller, der wenig sprach, aber wenn, dann am liebsten mit Strawinsky oder Paul Claudel. Ideen haßte er, obwohl er von mindestes einer idée fixe beherrscht schien. "Seine Idee ist der Status quo" – so sagte es Henri Barbusse, und er meinte: seine einzige Idee. Öffentliche, gar politische Statements waren ihm zuwider. Als er 1937 einen offenen Brief an Denis de Rougemont schrieb (für eine Schweiz-Nummer der Zeitschrift Esprit) und einen wahren Orkan im helvetischen Wasserglas auslöste, konnte er nicht fassen, was ihm da geschah. Er hatte doch nur das Offensichtliche gesagt! Daß die Schweiz ein historisch zufälliges Gebilde sei, nicht besonders warmherzig und liebenswert, und daß die Romands die Deutschschweizer allesamt im Verdacht hätten, begeisterte Nazis werden zu wollen.