Alexander Jemets, 31jähriger Psychologe und Jurist, zuletzt Miliz Hauptmann in einem Forschungsinstitut für Kriminalistik, sitzt in einem riesigen, kahlen Konferenzzimmer genau gegenüber dem Parlament. Am 14. Juni ist er zum Vorsitzenden der Kommission für Menschenrechte gewählt worden, Ende Juli hat er die KP verlassen ("Sie kann keine neuen Wurzeln mehr bilden") "In Osteuropa", klagt er, "fehlt es heute an politischen Führern, deren Leitstern allein die demokratische Idee ist. Aber wie kann es vorerst auch anders sein! Nehmen Sie uns. Die nationale Idee arbeitet für die Staatlichkeit der Ukraine. Und dieser Weg bietet die einzige Chance, die zentralistischen Strukturen des Systems zu zerschlagen. Das noch unterentwickelte politische Bewußtsein der Bevölkerung macht die nationalistische Bewegung natürlich gefährlich. Aber nur in der Auseinandersetzung um ihre Ziele kann vorerst die Konkurrenz entstehen, durch die sich neue Persönlichkeiten profilieren " Der Volksdeputierte Michaile Goryn ist doppelt so alt wie Alexander Jemets. Er hat den Begriff Perestrojka schon verwendet, als ihn noch niemand im Munde führte: "Die Psychologie der Perestrojka von Verwaltungssystemen in Großbetrieben" heißt eine Untersuchung des aus Lwow stammenden Psychologen. Und Goryn saß noch im Lager, als alle schon von der Perestrojka redeten. Insgesamt zwölf Jahre verbrachte er als politischer Häftling, Gorbatschows Amnestie ersparte ihm weitere sieben. Der kleine, quirlige, alle Umwege vermeidende Volksvertreter klopft auf den spiegelblanken Mahagonitisch im Seitenflügel des Kiewer Parlaments: "Ich bin kategorisch dagegen, daß die Ukraine in der Sowjetunion bleibt. Wir haben keinerlei Garantie dafür, daß sie sich innerhalb der UdSSR als souveräner Staat entwickeln kann. Die ersten Entwürfe für den neuen Föderationsvertrag zeigen unverkennbar, daß Gorbatschow auch künftig einen unitaristischen Staat will. Wenn wir ein solches Abkommen unterschreiben, werden wir gleich wieder eine Kolonie. Wenn wir dagegen die Betriebe, die unter Moskauer Kuratel stehen, in das Eigentum der Republik überführen, werden wir unser Budget mindestens verdoppeln können. Und zumindest die Versorgung der Bevölkerung ließe sich schnell verbessern. 52 Millionen Tonnen Korn und 52 Millionen Menschen! Das ist die Formel, um alles auf dem Tisch zu haben. Ich bin kein Optimist; die Souveränität wird viele komplizierte Probleme nicht aus der Welt schaffen. Aber wenn wir nicht vom kolonialen Status zur Selbständigkeit durchbrechen, dann werden wir an der Vernichtung unserer Umwelt zugrunde gehen. Für den Block der 239 Kommunisten und ihrer Anhänger heißt Unabhängigkeit, daß die Betriebe und die Banken, die Armee und die Außenpolitik in den Händen der Union bleiben. Für uns ist die Unabhängigkeitserklärung deshalb nur der Anfang - der wirkliche Kampf gegen den Zentralismus Michail Gorbatschows beginnt erst jetzt "

Wie steht der "Block", die kommunistische Seite, die im Parlament und im Machtzentrum der Republik die alten Strukturen geschickt unter Kontrolle hält, zur Unabhängigkeit der Ukraine? Die steinerne ZK Bastion über Kiew, dessen Türwächter trotz der neuen Devise "Wir sind eine Partei unter mehreren" noch immer KGB Uniformen tragen, hat seit dem Juni einen neuen Hausherren. Stanislaw Gurenko, KP Chef der Ukraine und inzwischen auch Politbüromitglied in Moskau, ist ein agiler Technokrat. Der 54jährige Ökonom und langjährige Generaldirektor aus dem Donbass wirkt flexibler und zugleich zupackender als sein Vorgänger Wolodimir Iwaschko. Der hatte sich im Juni zunächst zum ukrainischen Parlamentspräsidenten küren lassen und war gleich darauf als Gorbatschow Stellvertreter der KPdSU nach Moskau übergewechselt - ein Gambit, bei dem sich die ukrainischen Parlamentarier als Bauernopfer empfanden, was die Opposition stärkte. Politbüromitglied Gurenko im Gespräch mit der ZEIT: "Wir unterstützen die Idee der nationalen Souveränität. Aber wir verknüpfen sie mit drei Bedingungen: 1. Wir sind Kommunisten und betrachten die Ukraine als ein sozialistisches Land. 2. Wir sind für eine souveräne Ukraine, aber innerhalb der UdSSR, ganz gleich wie diese Union künftig heißen wird. Wir dürfen jetzt nicht den verantwortungslosen Schritt tun und aus der UdSSR austreten. Das würde einen ungeheuren Schaden für den Staat bedeuten und wäre tragisch für die Völker der Ukraine. Sie wissen, welches Staatssystem hier entwickelt worden ist - man kann die Ukraine nicht lebendigen Leibes abschneiden. 3. Wir sind für eine geistige Wiedergeburt der Ukraine, hier stimmen wir unseren Opponenten zu "

"Aber ein großer Teil der Bevölkerung will mehr als eine geistige Wiedergeburt - eine Armee, eine eigene Währung "

"Als Politiker und Ökonom stelle ich da zunächst die Frage, ob es vonnöten ist, eine eigene Armee zu haben. Ist die Situation so bedrohlich? Vor wem soll uns die Armee schützen? Wer soll sie bezahlen? Es muß also erst einmal ermittelt werden: Für den Schutz unserer Republik vor den angenommenen Feinden brauchen wir soundso viele Soldaten. Was wird das kosten? Und dann muß das Volk darüber entscheiden Darüber hinaus haben wir auch unsere Interessen in anderen Teilen des Landes: zum Beispiel Holz und Baumwolle. Diese Regionen, ich sage das mal ganz hypothetisch, brauchen den Schutz vielleicht mehr als wir. Dahin müßten wir dann auch einen Teil der Streitkräfte delegieren "

Hier wird der scharfe Trennungsstrich zwischen beiden Lagern deutlich. Die Partei versucht in Kiew - bisher noch mit Geschick und Erfolg , die Machtstrukturen intakt zu halten, Deklarationen so weit wie nötig zu akzeptieren, aber bei deren Umsetzung so weit wie möglich zu taktieren und zu blockieren. Mit dieser Strategie konnten die Kommunisten in der Kommission zur Ausarbeitung der Souveränitätserklärung Kompromißbereitschaft demonstrieren und sich bei der Parlamentsabstimmung (355 zu 4 Stimmen für die Unabhängigkeit) sogar von heimatlosen Genossen zu vaterlandstreuen Gesellen mausern.

Der Vorsitzende der Kommission für die Souveränitätserklärung, der aufgeschlossene ZK Abteilungsleiter Mikola Schulga, schüttelt noch heute fast ungläubig den Kopf: "Als ich zum ersten Mal sah, wer da alles zusammenkam - langjährige Häftlinge und langjährige Hochbürokratie , dachte ich: Wir werden nie auch nur die erste Seite eines einzigen Dokuments aufsetzen können Aber das Beispiel der Kompromißformel "Die Ukraine hat das Recht auf eine eigene Armee" führt zumindest vor Augen, wie Handlungsspielräume entstehen und genutzt werden können. Ende Juli lagen im Parlament vor dem marmornen Treppenaufgang zum Plenarsaal Photos von ukrainischen Wehrpflichtigen aus, eingerahmt, mit Trauerflor und kurzen Notizen: "Sabjalow, Dmitrij, umgekommen im Primorskij kraj [ein Gebiet an der Ostküste Asiens, d. Red ] wegen Schlamperei des Vorgesetzten - Sergej Kasakow, in Polen brutal erschlagen, Mutter beging Selbstmord Botscharow, Oleg, an Folterungen gestorben in Berdjansk - Slawa Kosatschenko, brutal erschlagen im Chabarowsker Gebiet, diente nur einen Monat "

An diesem Tag beschlossen die ukrainischen Volksvertreter eine Resolution an das sowjetische Verteidigungsministerium. In ihr wird die Rückkehr aller Wehrpflichtigen der Republik aus den ethnischen Konfliktgebieten wie Armenien, Aserbeidschan oder Kirgisien bis zum 1. Oktober verlangt. Alle übrigen Rekruten sollen bis zum 1. Dezember wieder in ihrer Heimat sein. Zwar fehlten bei der Abstimmung mehr als 100 der 449 Parlamentarier; doch unterstützten die Resolution immerhin 282 (gegen 31) Abgeordnete "Dies", so strahlte anschließend Ruch Führer Dratsch, "sehe ich als den ersten Schritt zur Bildung einer nationalen Armee an. Unsere Söhne dürfen nicht in die ethnischen Konflikte hineingezogen werden Der konservative Apparat konnte sich dem großen Druck der Nation, vor allem der Mütter, nicht mehr entziehen. Wie unbehaglich den Genossen dabei zumute war, ließen sie schnell erkennen. Die Debatte und den Beschluß über die Begrenzung des Wehrdienstes auf das eigene Territorium bekamen die ukrainischen Bürger nicht schwarz auf weiß in die Hand. Die Parlamentsbulletins Nummer 81 und 82 mit dem Protokoll dieser Sitzung fehlten einfach.