Von Reinhard Baumgart

Hier kommt ein Angebot an alle, die der seit ein, zwei Jahrzehnten luxurierenden und federführenden Kultur- und Literaturtheorien französischer Provenienz und ihrer transatlantischen Ableger müde geworden sind oder – schlimmer noch – auf diese Lockungen des Denkens nie fest angebissen haben. Denn Lockungen sind oder waren es ja: Daß diese strukturalistischen und poststrukturalistischen, konstruktivistischen, dekonstruktivistischen, spiel- oder systemtheoretischen Projekte anregend und ansteckend sind, Spielwiesen, Mobiles, Baukästen, offen für unendliche Variationen – das wird auch ein Spielverderber nicht abstreiten können.

Die aus gut drei Jahrzehnten zusammengetragenen Essays des 1975 gestorbenen Lionel Trilling dagegen schmecken, gemessen an dieser Lust des Denkens und ihrer Kulinarik, eher wie Schwarzbrot, haltbar und nahrhaft, auf ein langsam-nachdenkliches Kauen angewiesen. Dieser Kritiker und Literarhistoriker und eingefleischte New Yorker hat sich offenbar zeit seines Lebens und Schreibens im Widerstand gegen die Aktualität intellektueller Trends formuliert. Kein Wunder, daß die Literaturgeschichte, zu der seine Essays immer nur fragmentarische Beiträge liefern, sich am bündigsten begreifen ließe als eine Geschichte der Selbst-Behauptung,

Dieses Schreiben im Widerstand begann in den vierziger und fünfziger Jahren vor allem im Partisan Review, wo Trilling als "Liberaler" (in angelsächsischer Definition) gegen das antrat, was er und die Ostküsten-Intelligenzija damals für "Stalinismus" hielten. Am Ende seines Lebens stand er dann gegen Strukturalismus und Pop-Kultur und das theoretisch blendend ausgedachte, praktisch eher schwachsinnige Bündnis zwischen beiden.

Für Trilling jedenfalls, das dokumentieren einige lakonische Kommentare in diesem Band, bedeuteten beide Programme nur, daß der personale Kern der Kunst und damit ihr Abstand zu, ihr Widerstand gegen ein (wie er leicht heideggerhaft sagt) "Leben-in-Gesellschaft" ausgelöscht werden sollte. Kurz: "daß das Leben aufhört einen Sinn zu haben – außer in seinen formalen Aspekten".

Wer den knappen, großen Essay "Das Ende der Aufrichtigkeit" kennt – bisher sein einziges auf deutsch erschienenes Buch (1980) der kennt auch Reiz und Schwierigkeit, diesen Autor zu lesen. Seine Essays nämlich nutzen mächtig und lässig alle Freiheiten der Gattung. Ihre Begriffsbildung bleibt immer fluid, ordnet und festigt sich nie zum System. Selbst Leitbegriffe seines Denkens – wie "opponierendes Selbst", "liberale Imagination" oder "tragisches Kulturgefühl" – werden nie ausdefiniert und damit umrißscharf und steif, sondern verlassen sich lieber auf ihre Aura.

Das macht die Lektüre so spannend wie anstrengend, das bringt auch jeden Versuch einer Zusammenfassung in Verlegenheit. Denn je präziser die sein möchte, desto unweigerlicher verrät sie die Komplexität und Assoziationsfülle Trillings ans Übersichtliche und Thesenhafte. Ich versuche hier also lieber eine andere Engführung, ins Konkrete einer persönlichen, meiner Lektüre.