Von Raimund Hoghe

In seinem ersten Kinofilm „Hard Days – Hard Nights“ ist manchmal alles ganz einfach. Da geht zum Beispiel einer auf einen zu, der nicht mehr weiter weiß, legt den Arm um ihn und sagt: „Ich bin dein Freund.“ Die Szene zwischen den beiden Jungen Kurt und Alan ist eine der letzten des Films und eine der zärtlichsten. Im Grunde gehe es ihm immer um die Möglichkeit, daß Menschen sich berühren können, sagt Horst Königstein beim Bummel über die Reeperbahn, und spricht von Berührungen, die jenseits hetero- oder homosexueller Kategorien liegen. „Das Lieben lernen – darum geht’s eigentlich immer.“

Die Farben leuchten, Tiere versammeln sich vor dem Fenster und Jane Wyman kriegt doch noch Rock Hudson – „Was der Himmel erlaubt“, USA 1956, aufgezeichnet vom Videorecorder. „Schamlos“, kommentiert Königstein und verhehlt doch nicht seine Begeisterung für Melodramen wie das von Douglas Sirk. Jetzt ist der Recorder eingeschaltet, um einen kurzen RTL-plus-Beitrag über „Hard Days – Hard Nights“ aufzunehmen. Horst Königstein erwartet keine Lobeshymne. Die sechziger Jahre, in denen der Film spielt, seien doch „mega-out“, hatte ihm die RTL-Expertin gleich zu Beginn des Gesprächs vorgehalten. Entsprechend fällt ihr Urteil über den Film aus. Horst Königstein versucht, gelassen zu bleiben. „Ich bin eigentlich immer nur getroffen, wenn ich denke, es ist Neid oder Kollegenschelte.“

„Man muß an das glauben, was man macht, auch wenn andere Leute meinen, daß man so etwas eigentlich nicht tun sollte“, notiert er im Presseheft zu seinem Film. Im NDR, in dem er seit zwanzig Jahren als festangestellter Redakteur sitzt, gilt er als Paradiesvogel. „Ich hab’ alles gemacht – nur nicht, wenn es brav sein sollte“, erklärt er. „Mich hat immer das Klischee interessiert und das Abweichen vom Klischee, der andere Blick, die Nähe auch zum Ritual – und das Brechen des Rituals.“ So entstanden Filme über Rosemarie Nitribitt und Joan Crawford, den Tod der Pop-Legenden Elvis Presley und John Lennon, die „Unendliche Sehnsuchtsrevue Haus Vaterland“ und „Die Leute vom Mümmelmannsberg“, die Verfilmung von Joop Admiraals Solo „Du bist meine Mutter“ und Klaus Manns „Treffpunkt im Unendlichen“, „Reichshauptstadt privat“ und „Das Beil von Wandsbek“. Seine jüngste Fernseharbeit wird Ende September zu sehen sein: „Kohl. Ein deutscher Politiker“, ein Fernsehessay mit dem DDR-Schauspieler Rolf Hoppe als Kanzler.

Der alltägliche Surrealismus interessiere ihn, die Art, wie Leute sich inszenieren und welche Stilisierungen sie sich ausdenken, sagt Horst Königstein, und zeigt solche Verkleidungen, um Abschied von ihnen zu nehmen, „um zu sagen: Das hast du gar nicht nötig. Glaub deine Träume, glaub deine Hoffnungen und deine Wünsehe. Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen – egal wo.“ Zum Beispiel auf St. Pauli, dem Schauplatz von „Hard Days – Hard Nights“. „Ich wollte eine Geschichte machen wie einen Reigen, mit Menschen, die Erfahrungen mit der Liebe machen“. Rita Tushingham spielte eine ältere Prostituierte. Der Lehrling Kurt träumt von einer Musikerkarriere. Bei dem schwulen „Herzpalast“-Besitzer Kronschneider treten die vier Jungen aus Liverpool auf, die nach Hamburg gekommen sind, um hier Musik zu machen und auszubrechen aus der kleinbürgerlichen Welt. Die Träume und Sehnsüchte seiner Figuren sind Horst Königstein vertraut. „Es gibt da immer biographische Verknüpfungen“, stellt er fest und erzählt von seinen Eltern, die sonntags immer tanzen gingen, „zum Tanztee“. Der Vater, „ein Opfer diverser Wirtschaftskrisen und wohl immer auch ein Radikalinski, der sich 1933/34 mit der SA angefreundet hatte“, sei eigentlich kaufmännischer Angestellter gewesen, habe dann aber auf einer Werft gearbeitet und schließlich mit seiner Frau einen Lebensmittelladen in Bremen geführt. „Und sie wollte immer Friseuse werden und wurde Verkäuferin in einem Kolonialwarenladen.“

Der 1945 geborene einzige Sohn sollte Finanzbeamter werden. Doch der träumte schon früh von anderem. Als Fünfjähriger sah er seinen ersten Film, „Till Eulenspiegel“ mit Theo Lingen, und begann, sich in einer Ecke der elterlichen Wohnung seine eigene Traumwelt aufzubauen. Ausgeschnittene Figuren wurden auf eine selbstgebastelte Bühne gestellt, „und dann habe ich einen Spiegel aufgebaut, um zu sehen, was ich inszeniert habe“. Nachgestellt wurden Szenen aus amerikanischen Monumental- und deutschen Schlagerfilmen, Höhepunkte diverser B-Produktionen, die er im Roland-Kino gesehen hatte. „Die großen, grellen Bilder – das hat mich interessiert. Das war unverschämt. Da wurde das Kleinbürgerliche gesprengt“, erinnert er sich, und: „Das sündigste war, sich an einem Tag zwei Filme anzusehen.“ Als Kino existiert der Ort seiner frühen Träume schon lange nicht mehr. „Da ist jetzt ein Baumarkt drin.“ An einer Stelle des Gesprächs fragt er: „Warum werden Träume so schnell über Bord geworfen?“

„Was hinter Fenstern ist, hat mich immer interessiert“, bekennt Horst Königstein und will „wie ein Kind immer noch etwas entdecken“. Etwas von der Begeisterungsfähigkeit und dem Stolz eines kleinen Jungen vermittelt er auch dann, wenn er mir eine kleine Büste von James Dean zeigt, die er sich bei seinem ersten Amerikabesuch gekauft hatte, oder eine Magisterarbeit über „Dokumentation und Fiktion in den Fernsehfilmen Horst Königsteins“ hervorholt, von Leuten erzählt und seiner Lust, „Menschen in Verbindung zu bringen, getrennte Menschen zusammenzuführen“. Daß er gleichzeitig distanziert wirken kann, weiß er. „Bin ich so distanziert, wie ich erscheine?“ fragt sich der 45jährige, der als Kind oft das Gefühl hatte: „Ich gehöre nicht ins Bild. Sportlich war ich sehr unbegabt. Auch das Reden habe ich erst lernen müssen. Ich war ein schweigsames Kind. Die Kindheit, das war eine Zeit mit mir allein“ – und den Bildern aus dem Kino, der „Illustrierten Film-Bühne“ und den angehimmelten Stars, die aus einer Waschküche eine Kathedrale machen konnten: Dort, im Keller einer Ruine, gründete Horst Königstein seinen Heidi-Brühl-Fanclub.