Von Andreas Weiß

Den Krieg fürchte er nicht, meint bekümmert der Restaurantbesitzer und zeigt auf die jungen Burschen, die an den Tischen Karten spielen: „Unsere einzige Sorge ist die Arbeit. Seit sie die Grenze geschlossen haben, geht unser Krieg ums Brot!“

Verödet liegt die legendäre Seidenstraße nahe der Stadt Cizre, auf der einst die Karawanen aus China ans Mittelmeer zogen und wo bis vor kurzem noch täglich 2000 Lastwagen zur nahen irakischen Grenze rumpelten. Die Chauffeure haben den Landstrich am Leben erhalten: Nicht nur die Wirte verdienten an den Reisenden; vom einträglichen Grenzhandel profitierten viele Menschen. Die meisten Ladenbesitzer handelten mit irakischen Dinaren und kauften jenseits der Grenze billige Grundnahrungsmittel sowie Benzin.

So kostete in Cizre noch vor Monatsfrist ein Kilogramm irakischer Reis 1000 Lira (59 Pfennig); die türkische Ware liegt heute doppelt so hoch: Zucker stieg, seit er aus türkischer Fabrikation kommt, von 1500 Lira (88 Pfennig) auf 3500 Lira (2,05 Mark). Der Preis fürs Dieselöl schnellte von 600 Lira pro Liter (35 Pfennig) auf 1560 Lira (92 Pfennig).

Also schlägt die Not im türkischen Grenzgebiet zum Irak gleich mehrfach zu: Zum einen verloren zahlreiche Arbeiter ihren Job; zum anderen stiegen Kosten und Preise. Auswege gibt es hier keine: Die Provinz Sirnak gehört zu den ärmsten Regionen der Türkei. Ohnehin treibt die Kriegsfurie hier schon lange ihr Unwesen, denn gerade Cizre und Sirnak liegen im Zentrum des kurdischen Aufstands gegen die Türken. Vor einem Jahr sind die Regierungstruppen dazu übergegangen, systematisch die Dörfer in den Bergregionen zu evakuieren, so daß nun landlose Bauern ohne Einkommen und Hoffnung in die Städte strömen.

Grübelnd sitzen die Verbliebenen in den wenigen noch offenen Cafés. Immer mehr Läden schließen. Der Restaurantbesitzer hat bereits sein ganzes Personal verloren: Seine dreißig Angestellten sind nach Westen gezogen, nach Adana oder in die Hafenstadt Mersin. Doch Arbeit gibt es auch dort nicht. „Verdammt sei dieser Saddam Hussein“, knurrt ein alter Mann. Die Kurden haben schon lange ihre üblen Erfahrungen mit dem irakischen Diktator, der sie gnadenlos verfolgte.

Die Türkei verhalte sich beim Embargo gegen den Irak königlicher als der König, lobte Le Monde die eindeutige Politik Ankaras. Nach kurzem Zögern bei Ausbruch der Krise ließ Staatspräsident Turgut Özal nicht nur die beiden Ölpipelines von Kirkuk nach Dörtyol/Yumurtalik schließen, den Grenzübergang Habur für jeglichen Handel sperren und die Konten der Iraker und Kuwaitis einfrieren; mittlerweile sind auch alle türkischen Bauarbeiten im Irak eingestellt worden. Und im Mittelmeer-Hafen Mersin türmen sich die Container mit der Adresse „Bagdad“. Nicht einmal Ladungen mit Medikamenten, die als humanitäre Leistung nicht unter die Embargo-Bestimmungen der Vereinten Nationen fallen, werden mehr abgefertigt.