Von Eva-Maria Thoms

Selbst im dichtesten Menschengewühl fällt der bunte Rock sofort auf. Und der Anblick wirkt wie ein Signal: Unweigerlich strebt man die andere Straßenseite an. Aber zu spät: Schon schiebt sich fordernd eine bettelnde Hand ganz dicht heran. Was die Frau sagt, ist nicht zu verstehen, aber die Geste ist deutlich. Beharrlich stellt sich die Zigeunerin mit dem Kind auf dem Arm in den Weg. Zwei weitere Kinder springen herbei. Sie drängeln heran, sie jammern und betteln. Die Erwägung, sich mit einer Mark freizukaufen, geht in einem Strudel von Unwillen und leiser Panik unter. Ein brüsker Schritt zur Seite, die Handtasche fest unter den Arm geklemmt, rettet aus der Bedrängnis. Erst hinter der nächsten Ecke fühlt man sich sicher genug für den prüfenden Blick in die Brieftasche: Gott sei Dank, es fehlt nichts.

In Köln zum Beispiel – aber es könnte auch in jeder anderen westdeutschen Großstadt sein – kennt inzwischen jeder jemanden, der jemanden kennt, der schon einmal von Roma-Kindern bestohlen wurde. Einer Kollegin wurden gerade erst 250 Mark aus der Tasche gezogen, und selbst eine offen gezeigte Sympathie für die Kleinen schützt vor Diebesfingerchen nicht. Da ist zum Beispiel der Fall einer einheimischen Südländerin, die.– aus eigener Erfahrung – sehr empfindlich auf ausländerfeindliches Verhalten reagiert. Sie sah auf einem U-Bahnsteig zunächst amüsiert dem Treiben der kleinen Zigeuner zu. Dann stieg sie in die Bahn – und entdeckte mit Schrecken, daß in ihrer Tasche ein paar hundert Mark fehlten. "Sie sollten wenigstens unterscheiden, wen sie beklauen", mault ein Freund.

Gleich an zwei Wochenenden innerhalb eines Monats steht vor dem Polizeipräsidium stundenlang eine Schlange. Der Grund für den ungewöhnlichen Ansturm ist eine Wanderausstellung, in der die Polizei mutmaßliche Diebesbeute präsentiert. Rund fünftausend Besucher sind in Köln und Hamburg inzwischen an den Vitrinen mit insgesamt 1500 Schmuckstücken und Wertgegenständen entlanggezogen. Die meisten dieser Ausstellungsstücke wurden bei einer Razzia im Kölner Roma-Lager auf dem Schiffhof beschlagnahmt. "Den Rest haben andere Einbruchs-Dienststellen beigesteuert", erklärt Josef Pütz, der Einsatzleiter der Ausstellung.

Unter den Wartenden, die vor der Tür in der Sommersonne schmoren, werden derweil Erfahrungen ausgetauscht. Obwohl sie nicht wissen, ob "ihre" Einbrecher wirklich Roma waren, haben sie die Mühen einer oft kilometerlangen Anreise zur "Roma-Ausstellung" nach Köln auf sich genommen. Karl A. aus Solingen zum Beispiel hofft, seine Münzsammlung wiederzufinden. Er war "gerade mal eine Dreiviertelstunde etwas besorgen", als Einbrecher seine Wohnung ausräumten. "In der kurzen Zeit", wundert er sich, "das ist doch unheimlich, das waren doch sicher Zigeuner."’

Seit vor dreieinhalb Jahren die Zigeuner gekommen sind, ist für manchen Kölner so manches nicht mehr in Ordnung. Aus ungebetenen Gästen, die zunächst nur wegen ihres elenden Aufzugs ein Dorn im Auge waren, ist regelrecht eine verhaßte Minderheit geworden, ein Schreckbild für alle ordnungsliebenden Bürger – der Inbegriff krimineller Bedrohung.

Die ersten Roma-Familien kamen im Sommer 1986 nach Köln. Sie lagerten auf einem Gewerbegebiet im Kölner Nordwesten, dem Butzweiler Hof. Zunächst ignorierte die Öffentlichkeit die dort entstehende Elendssiedlung. Es war ein nasser Herbst, und die Wohnwagen und Zelte auf dem Butzweiler Hof versanken im Schlamm. Dann kam der extrem kalte Winter. Bei zwanzig Grad unter Null stieg die Zahl der Kranken auf dem Platz rapide an. Es waren nur einige wenige Bürger, die sich als erste um das traurige Los der Roma kümmerten. Der Rat der Stadt Köln rang sich dazu durch, die Gruppe nicht zu vertreiben, sondern die Integration zu wagen. Gedacht als Beispiel für andere Städte, sagte er hundert Roma ein Bleiberecht zu: Damit war das "Kölner Modell" geboren.