ARD, Sonntag, 2. September: Tatort. Schimanskis Waffe

Schimanski ist Geschmackssache. Es gibt urteilsfähige Fensehgucker, die ihn unerträglich finden und das begründen können. Ich mag ihn und möchte es nicht begründen müssen. Deshalb erkläre ich ihn zur Geschmackssache. Aber damit darf es natürlich sein Bewenden nicht haben. Also.

Die glücklicheren Schimanskis verbinden Ruhr-Milieustudien mit lakonischem Thriller-Effekt zu Balladen von stilfreier Schwermut. Der naive Streetfighter Schimmi (Götz George) und sein vernünftiger Freund und Kollege Thanner (Eberhard Feik) bilden die beidei Positionslampen auf dem Charakterspektrum am Duisburger Hafen: So hart und so blauäugig, so skeptisch und so schnurrbärtig muß man, kann man sein, um das Böse zu erkennen, zu riechen, zu umzingeln und zu schlagen. Eh’ die Bullen gar zu stark sind und ihr Sieg zu nahe scheint, zahlen sie kräftig ein und zerstreiten sich untereinander.

Doch eh’ das Böse triumphiert, wachsen sie über sich hinaus. Dazu als Kulisse die klassische Eckkneipe im häßlichen Ruhrpott und ein paar Nebenfiguren mit Herz und keinem anderen Vorzug.

Das könnte in den Genre-Kitsch abkippen und wackelt manchmal auch ziemlich, aber für die Schimanski-Fans kommt spätestens mit dem Finale und dem Sieg der Gerechtigkeit auch im Ästhetischen der reitende Bote. Eine Kameraeinstellung, ein Gag, eine Dialogzeile – irgend etwas versöhnt uns dann mit der Sentimentalität der Schimmi-Figur und der alten Unübersichtlichkeit der Handlung, und wir drücken, wenn die Abspannmusik in den Tatort-Tusch übergeht, berührt den Aus-Knopf, um uns von den ersten Takten der nachfolgenden Sendung nicht diese angenehme Schimmi-Stimmung stören zu lassen. Was das für eine Stimmung ist? Weiß der Himmel über dem Revier! Ein Tropfen Genugtuung, da’s die Banditen erwischt hat, und ein Eimer Melancholie, da auch die Guten haben bluten müssen – zu schweigen von Schimanski und Thanner und all ihren Wunden.

Der fünfundzwanzigste Fall für Horst Schimanski, der letzten Sonntag über den Sender ging, mutete der Fan-Gemeinde, vor allem in der ersten Hälfte, einiges zu. Gleich zu Beginn schwoft und kost der Held so ausgiebig mit einer blonden Renate, daß auch, wer den Ankündigungstext in der Programmzeitung nicht gelesen hat, weiß: Die macht’s nicht mehr lange. So kommt’s, und der Horst, den eigenen Schatz, der ihm von den Bösen in die Schußlinie gestoßen ward, auf dem Gewissen, muß es mit der Mafia aufnehmen. Daß Thanner schon zu Beginn verunglückt und der größten Strecke des Films mit Kopfverband vom Krankenhausbett aus zusieht, hat "Schimanskis Waffe" nicht gerade schärfer gemacht.

Auch die Tränen, die in diesem Film von Mann und Weib abwechselnd und reichlich in den Hafen vergossen werden, gaben der Geschichte keinen Tiefgang. Doch im Showdown schufen der dumpfe Erwin (Klaus J. Behrendt) sowie unsere beiden Kommissare jene Atmosphäre fatalistischer Entschlossenheit und somnambuler Tollkühnheit, die uns am Tatort imponiert. –