Von Christoph Bertram

Die staatsrechtliche Regelung der deutschen Einheit bedarf eines dicken Konvoluts von über tausend Seiten, dessen Herstellung die Bundesdruckerei in Bedrängnis bringt. Die völkerrechtliche Regelung besteht aus einem kurzen, knappen Dokument, das die Grenzen Deutschlands endgültig festlegt, die Rechte und Verantwortlichkeiten der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges beseitigt und Bestimmungen für die Ratifizierung und das Inkrafttreten enthält.

Am nächsten Mittwoch kommen die Außenminister der gerade noch zwei deutschen Staaten und die vier der Weltkriegs-Allierten in Moskau zu ihrer wohl letzten Verhandlungsrunde zusammen. Sie werden das Dokument paraphieren und es später, vielleicht sogar in Deutschland, feierlich unterzeichnen. Am 2. Oktober soll die Vereinbarung dann in New York den Mitgliedsstaaten der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zur Kenntnis gebracht werden. Am 3. Oktober wird die DDR Teil der Bundesrepublik. Und sobald die – dann nur noch fünf – Vertragsparteien das Moskauer Dokument ratifiziert haben, ist Deutschland zumindest völkerrechtlich ein Land wie jedes andere: vereint, souverän, für seine Geschicke verantwortlich.

Gerade sieben Monate haben die Verhandlungen gedauert, ein diplomatischer Weltrekord. Mitte Februar vereinbarten die sechs Minister in Ottawa am Rande eines KSZE-Treffens, Gespräche über die "auswärtigen Aspekte der deutschen Einheit, einschließlich der Fragen der Sicherheit der Nachbarstaaten" abzuhalten. Anfang Mai trafen sie sich zum ersten Mal in Bonn, Ende Juni in Ost-Berlin, Mitte Juli in Paris, nun kommen sie noch einmal in Moskau zusammen. Kaum hatten Diplomaten und Journalisten das neue Kürzel "2 + 4" einstudiert, können sie es schon wieder im Archiv ablagern.

Den diplomatischen Geschwindigkeitsrekord verdanken die Deutschen vor allem der Schubkraft der Geschichte: Die staatsrechtliche Einheit schritt mit Siebenmeilenstiefeln voran, da konnten die völkerrechtlichen Absprachen nicht weit zurückbleiben. Aber sie verdanken es auch einem ungewöhnlichen Zusammenspiel von Politikern, die sich in diesen sieben Monaten als Staatsmänner erwiesen: in Washington Präsident Bush und sein Außenminister Baker; in Moskau Präsident Gorbatschow und sein Außenminister Schewardnadse; in Bonn Kanzler Kohl und Außenminister Genscher.

Bush und Baker erkannten früher als viele andere, daß mit dem Zerfall des sowjetischen Imperiums in Osteuropa und dem Bankrott des alten DDR-Regimes auch eine europäische Ordnung zu Ende ging, die vierzig Jahre lang gehalten hatte. Wenn Amerika in der neuen Ordnung Platz finden sollte, dann mußten die Vereinigten Staaten gleich zu Anfang mit dabeisein. Das hieß für Washington zweierlei: Einmal muß das vereinte Deutschland Teil des westlichen Bündnisses sein, soll nicht das Bündnis und damit Amerikas institutionelle Einbettung in Europa verfallen. Zum anderen muß aus der Rivalität zur Sowjetunion ein Verhältnis ost-westlicher Zusammenarbeit werden, damit die Verschiebungen in der Mitte Europas nicht zu neuen ost-westlichen Konflikten eskalieren.

Auf den Gipfeltreffen von Malta im Dezember 1989 und von Washington im Juni 1990 entstand jenes Vertrauensverhältnis zwischen dem Präsidenten der Immer-noch-Weltmacht und dem der Nicht-mehr-Weltmacht. George Bush stellte Michail Gorbatschow als ebenbürtigen Staatsmann heraus, als Partner für die neue Ordnung. Damit war die erste, entscheidende Grundlage gelegt.