Von Matthias Naß

Erst als die Krise am Golf in ihre fünfte Woche ging, gab in Moskau Michail Gorbatschow seine Zurückhaltung auf. Die Lage sei "explosiv", warnte der sowjetische Präsident; alle Anstrengungen müßten auf eine politische Lösung des Konfliktes zielen, jede Zuflucht zu militärischer Gewalt sei "unannehmbar".

Die fast schon abgeschriebene Supermacht meldete sich mit einer unmißverständlichen Botschaft zurück: Nicht allein für die Vereinigten Staaten, auch für die Sowjetunion stehen in Arabien vitale Interessen auf dem Spiel. Mit wachsendem Argwohn hatten die Moskauer Militärs den gewaltigen amerikanischen Truppenaufmarsch unweit ihrer Südgrenze verfolgt. Gorbatschow schien es an der Zeit, Washington ein Warnsignal zu geben: Nicht mit dem Feuer spielen!

Wollten die Sowjets aus der gegen den Aggressor Saddam Hussein geschmiedeten internationalen Front ausbrechen? Die Stimmen aus Moskau klangen bedrohlich – und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem die Einladung aus Bushs Urlaubsdomizil Kennebunkport zum Gipfeltreffen in Helsinki bereits auf Gorbatschows Schreibtisch lag. George Bush, der sich in der ersten großen Bewährungsprobe seiner Präsidentschaft ebenso entschlußkräftig wie besonnen zeigt, hat seit dem Überfall des irakischen Diktators auf Kuwait größten Wert auf eine reibungslose Abstimmung mit dem Kreml gelegt. Fast täglich telephonierten die Außenminister Baker und Schewardnadse miteinander. Die nach dem Ende des Kalten Krieges beschworene Partnerschaft zwischen Moskau und Washington schien sich zu bewähren.

Doch dann wuchs bei den Sowjets die Sorge, die Amerikaner könnten die Geduld bei der Suche nach einer diplomatischen Lösung verlieren und sich leichtfertig oder gar mutwillig in ein militärisches Abenteuer stürzen. Zu solchen Befürchtungen hat George Bush allerdings wenig Anlaß gegeben. Zwar ist er dem Rat der Planer im Pentagon gefolgt, eine schlagkräftige Streitmacht an den Golf zu schicken, die es im Ernstfall mit Saddams Armee aufnehmen könnte; zugleich hat er jedoch in den Vereinten Nationen eine Koalition zusammengeschweißt, die dem Aggressor vor Augen führt, daß ihm nicht allein die Militärmacht der Vereinigten Staaten, sondern der Rechtswillen der Völkergemeinschaft gegenübersteht.

Präsident Bush weiß: Amerika würde sich übernehmen, wollte es noch einmal in die abgewetzte Uniform des Weltpolizisten schlüpfen. Die Vereinigten Staaten mögen als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorgegangen sein; eine Pax Americana wird es dennoch nicht wieder geben. Zwar hat der Raubzug Saddams abermals gezeigt, daß allein Washington über eine Militärmaschinerie gebietet, die zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt wirkungsvoll eingreifen kann. Doch bei nüchterner Betrachtung läßt sich nicht daran rütteln: Die Vereinigten Staaten sind das Land mit den größten Schulden; in ihrem sozialen Netz klaffen Lücken; das Bildungswesen liegt darnieder; die Exportgiganten Japan und Bundesrepublik laufen der amerikanischen Industrie den Rang ab. Nicht mehr die Zahl der Panzer und Raketen bestimmt künftig den Rang einer Großmacht, sondern die Produktivität und die Innovationsfähigkeit ihrer Wirtschaft.

Wie begrenzt Amerikas Mittel heute schon sind, beweisen die Reisen von Außenminister Baker und Finanzminister Brady, die bei den reichen Freunden in Europa und Asien mit dem Hut in der Hand herumziehen und einen Solidarbeitrag für die Operation "Wüstenschild" (Kosten 43 Millionen Dollar täglich) und für die von der Blockade gegen den Irak betroffenen Staaten einfordern. Die Deutschen und die Japaner, die vom nahöstlichen Öl noch mehr abhängen als die Amerikaner, werden ihren Obolus da nicht verweigern können. Freilich sollte auch niemand von ihnen erwarten, daß sie einen Blankoscheck unterschreiben.