Fiat verliert in Europa den Anschluß an Volkswagen

Von Friedhelm Gröteke

Während ganz Italien Anfang August in Ferien ging, die Fabriktore des Landes sich schlossen, Bäcker und Metzger die Rolläden herunterließen und damit jedermann den Ritus des ferragosto befolgte, der Ferienzeit, die schon Kaiser Augustus für die Hundstage eingeführt hat, erging aus der Fiat-Zentralverwaltung in Turin ein Erlaß: Die Verkaufsniederlassungen des Konzerns bleiben geöffnet! Kein Kunde des Hauses soll sich verlassen fühlen.

Was hat den Konzern zum Bruch mit der zweitausendjährigen Tradition getrieben? Unter anderem wohl die Einsicht, daß im europäischen Binnenmarkt es sich Italien nicht mehr leisten kann, für ein paar Sommerwochen in völlige Lethargie zu verfallen. Sicher hat aber auch der Gedanke an die Konkurrenz den Beschluß gefördert. Fiat nämlich gerät ins Hintertreffen.

Während Volkswagen, traditionell schärfster Konkurrent der Fiat-Autoabteilung, im ersten Halbjahr 172 000 Wagen und damit 2,4 Prozent mehr in Italien absetzte und der Ford Fiesta unter den Auslandsmarken auf den ersten Platz vorpreschte, wuchsen die Autohalden des Turiner Konzerns. Als dann im Juni VW den Turinern sogar den ersten Platz bei den Neuzulassungen in Europa abjagte, den Fiat nach hauseigener Statistik mehrere Jahre lang innehatte, fragte das Wirtschaftsmagazin il Mondo besorgt: "Hat Fiat eine Panne?" In seiner Titelgeschichte berichtete das Blatt: "Der Golf läuft und läuft noch immer, und dabei hätte ihn der Fiat Tipo inzwischen vom italienischen Markt verscheuchen sollen." Und bei den großen Wagen sieht es nicht besser aus. Daimler-Benz und Volvo gewinnen immer mehr Boden gegen die Modelle von Fiat und der konzerneigenen Marken Alfa und Lancia.

Hatte der Fiat-Konzern, nach der Übernahme von Alfa Romeo und Ferrari praktisch der einzige Autohersteller in Italien, noch vor Jahresfrist fast 59 Prozent Marktanteil bei den Neuzulassungen, so ist er im Juni auf 52,5 Prozent zurückgefallen – und an dieser Position wird sich bis zum Ende des Jahres kaum etwas ändern. Zwar holen die Italiener im Ausland. Während aber Volkswagen nur jeden vierten Wagen im eigenen Land verkauft, hängen Wohl und Wehe bei Fiat allzu stark vom heimischen Markt ab. Und der ist nach mehreren Jahren stürmischen Wachstums diesen Sommer in eine Flaute geraten.

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