Ihringen am Kaiserstuhl

Die Erschütterung und Empörung geht durch alle Generationen. Dieses Verbrechen läßt hier keinen unberührt“, sagte der Pfarrer und sprach von der Trauer und Ohnmacht, die er fühlte, als er vor den zerstörten Gräbern stand. Es war ein Anblick, der allen Besuchern des Jüdischen Friedhofs in Ihringen, einer Kleinstadt am südlichen Kaiserstuhl, die Betroffenheit ins Gesicht malte: Von rund 200 Grabsteinen der um 1900 angelegten und unter Denkmalschutz stehenden Ruhestätte waren vor wenigen Tagen 177 umgestürzt, zerschlagen, aus ihren Fundamenten gerissen worden. Mit roter und grüner Farbe hatten unbekannte Täter Nazi-Parolen, SS-Runen, antisemitische Hetzsprüche und den Davidstern auf die Steine und Friedhofsmauern gesprüht.

Eine Vertreterin des israelitischen Oberrates Baden sprach von der schlimmsten Schändung eines jüdischen Friedhofs in Baden-Württemberg seit mindestens zehn Jahren. Mehrere 100 000 Mark Reparaturkosten werden veranschlagt. Nach Tübingen und Stuttgart war dies innerhalb von acht Wochen bereits die dritte Verwüstung, gefolgt von einer weiteren in Hechingen bei Tübingen. Weder diese noch eine der insgesamt 25 Friedhofsschändungen der vergangenen drei Jahre konnte aufgeklärt werden. „Wo sollen wir auch ansetzen? Die Täter kommen immer nachts; dann gibt es keine Zeugen und so gut wie keine Anhaltspunkte“, sagt Hartmut Grasmück, zuständiger Inspektionsleiter der Abteilung Staatsschutz für Rechtsextremismus beim Landeskriminalamt Stuttgart.

In welchen Kreisen die Täter zu suchen sind, darüber wird viel spekuliert. „Von uns war es mit Sicherheit keiner“, heißt es in Ihringen (4000 Einwohner). Angesichts der antisemitischen Schmierereien richtet sich die Vermutung auf Rechtsradikale. Die Freiburger Kriminalpolizei gibt sich zurückhaltend. Der ansässige Kreisverband der Republikaner wies in einer Presseerklärung jeden Zusammenhang mit der Ihringer Friedhofsschändung weit von sich – eine von vielen Reaktionen, die die Tat in der Öffentlichkeit auslöste. Stellungnahmen, die den „barbarischen Akt“ als „Angriff auf die Grundlagen unseres Zusammenlebens“ bezeichnen, kamen von Politikern ebenso wie von der Freiburger Universität, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und sogar von einem Motorradclub.

Die Freiburger Gesellschaft für Christlich-Jüdische Gemeinschaft rief zu einem Schweigemarsch auf. Die Ihringer Gemeinde bat in einem Flugblatt die Bevölkerung um Mithilfe bei der Tätersuche und setzte eine Belohnung von tausend Mark aus. Eine Mahnwache auf dem Friedhof organisierte die evangelische Jugendgruppe. An fünf Abenden folgten nicht nur Ansässige dem Aufruf, sondern viele jüdische Frauen und Männer. Manche kamen aus der näheren Umgebung, andere reisten von weither an, um die Zerstörung zu sehen und Andacht zu halten. Von Feindseligkeiten und Schuldzuweisungen gegenüber den Einheimischen war nichts zu spüren. Ein Ihringer: „Beschämend, mit welcher Freundlichkeit sie uns Mut zusprachen.“

Die Ihringer sehen sich vor die Kritik gestellt, nicht genug für die Erinnerung an die jüdische Geschichte ihres Ortes getan zu haben. Seit dem Mittelalter hatten in dem Wein- und Fremdenverkehrsort stets etwa zehn Prozent Juden gelebt, als Weinhändler und Kaufleute. „Die Juden gehörten einfach immer dazu“, sagt Theo Willig, stellvertretender CDU-Bürgermeister, „da gab es keine Probleme.“ Bis die Hitler-Schergen die Juden vertrieben und mordeten, die letzten 1940. Ein Gedenkstein. auf dem Platz der abgebrannten Synagoge ist die bislang einzige sichtbare Bemühung der Gemeinde, an das Unrecht zu erinnern. Kontakte zu jüdischen Gemeinden fehlten bislang. „Es war sicher eine gewisse Hilflosigkeit, nicht zu wissen, wie wir solche Kontakte ohne persönliche Anknüpfungspunkte herstellen sollten“, grübelt der FDP-Gemeindepolitiker Kurt Wörne. Beate Naß