Die evangelische Kirche wäre zwar bereit, ökumenische Gottesdienste am Vorabend des 3. Oktober abzuhalten. Aber die Kirchenglocken läuten zu lassen, wie sich der Kanzleramtsminister Seiters das wünscht, das geht ihr denn doch zu weit. Selbst die katholischen Bischöfe neigen vorläufig dazu, ein "isoliertes Läuten" (ohne Gottesdienst) zu verweigern. Allenfalls das Angelus-Läuten zum Mittag könne ein bißchen ausgedehnt werden, heißt es.

Den Kanzleramtsminister, der so auf Freudenfeierlichkeiten eingestellt ist, wird das vermutlich betrüben. Aber es gibt eben kein Glockenläuten auf Wunsch von "oben". Nicht einmal die Bischöfe könnten ihre Pfarrer dazu bringen, wenn die sich verweigern, so locker sind die Sitten geworden. Zum Glück dürfen die Pastoren jedoch nicht mitreden, wenn es um ein Einheits-Feuerwerk geht in der Nacht vor dem Beitritt. Einem "isolierten Leuchtraketenschießen" steht nichts mehr im Weg.

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Grace Bumbry soll und möchte für Bonn singen. Gemeinsam mit dem Orchester der Beethovenhalle wird die große Sopranistin am 11. September im Leipziger Gewandhaus auftreten. Vorgesehen ist ein "Bonner" Programm, unter anderem ein Konzertstück für vier Hörner und Orchester von Robert Schumann, der in Zwickau geboren und in Bonn-Endenich gestorben ist. Außerdem die 5. Sinfonie von Beethoven, der in Bonn getauft wurde und in Wien starb.

Bonn, das sich derzeit so viel auf seine Bescheidenheit als Hauptstadt zugute hält, hat in Wahrheit schrecklich darunter gelitten und daher versucht, mit viel Geld große Namen wenigstens für Opern-Gala-Abende hierherzulocken, um den Provinzbeigeschmack loszuwerden.

Bonn, sagen die Stadtväter, steht für Bescheidenheit. Die Allee zwischen Bonn und Godesberg allerdings erlebt derzeit einen Bauboom sondergleichen, vom Haus der Geschichte über die Bundeskunsthalle bis zum monumentalen Kunstmuseum der Stadt, das bald fertig ist. Oder vom überdimensionierten Hotel "Maritim" bis zu den neuen Landesvertretungen, darunter die von Rheinland-Pfalz, die gerade eingeweiht wird. Der Saal faßt immerhin 4000 Gäste.

Den Hang zur Möchtegern – Großstadt hatte Bonn, wie man ehrlich bekennen muß, schon lange. Bis es zum Hauptstadtkrieg kam. Berlin protzt und klotzt, schimpfen die Bonner. Den Bescheidenheitsbonus nehmen die Stadtväter jetzt erst in Anspruch. Ganz bescheiden, zum Beispiel mit dem Weltstar Grace Bumbry in Leipzig.