Ein Teppichweber, Mitglied der Kurdischen Arbeiterpartei, flieht vor den Nachstellungen der türkischen Polizei in die Schweiz, bemüht sich um politisches Asyl, das ihm die Behörden versagen, wird von Aktivisten eines Asylkomitees versteckt, zuerst bei einer Frau, dann in einer Wohngemeinschaft. Nach ein paar Wochen bringt ihn das Komitee in einer anderen Wohngemeinschaft unter.

So einfach läßt sich der Inhalt dieses Buches nacherzählen, und fast noch einfacher, in kargen Sätzen, hält der junge Schweizer Linus Reichlin fest, was ihn an dieser Geschichte interessiert. Im Mittelpunkt seines Protokolls stehen, anders als man vermuten würde, weder die dramatischen Lebensumstände des Verfolgten noch die gewissenlose Kälte der Behörden, auch wenn beides, nüchtern und beiläufig, berichtet wird. Wichtiger ist dem Autor die Sprachlosigkeit, zu der V., der kurdische Flüchtling, und seine Quartiergeber in der Wohngemeinschaft gezwungen sind: Sie verständigen sich, wenn überhaupt, mittels eines deutsch-türkischen Wörterbuches. Ihr stummes Nebeneinander wird noch verschärft durch die unterschiedliche Interpretation der Gesten und Gebärden des jeweiligen Gegenübers – der eigenen Sprache beraubt, mißversteht der Fremde oft genug die Äußerungen seiner Gastgeber.

Der „Fremde“? Reichlin, der Schweizer, kehrt den Begriff um, münzt ihn auf seine Landsleute, im besonderen auf die sieben Männer und Frauen der Wohngemeinschaft und den Koch der Kantine im Untergeschoß, der den Kurden stundenweise beschäftigt. Da der Autor behutsam dessen Perspektive einnimmt, registriert er Verhaltensweisen, die uns vertraut anmuten, wie zum ersten Mal, macht nebenbei deutlich, wie brüchig „alternative“ Lebensformen inzwischen geworden sind. „Vom Verstecken eines Gastes“ ist also nicht nur die Darstellung menschlicher Nöte, auf die staatliche Institutionen menschenverachtend reagieren, sondern auch die Chronik einer Auflösung – der Auflösung von Zusammenhalt, das Versickern einer moralischen Gegenposition in der Stumpfheit alltäglicher Verrichtungen.

Liest man Reichlins manchmal komische, oft auch erschreckend bittere Episoden aus dem Alltag dieser Wohngemeinschaft, fragt man sich, ob das Nebeneinander dort nicht ebenso menschenfeindlich ist wie in der guten alten Kleinfamilie. Ja, wenn doch V. wenigstens ein Intellektueller wäre, mit dem sich von gleich zu gleich radebrechen ließe, etwa über die Mechanismen des Welthungers. Oder wenn er eine Frau wäre (Thema: Die Lage der Frau in der Türkei)! So aber kümmert sich bald niemand mehr um den Flüchtling. Nicht „Vom Verstecken eines Gastes“ – vom Verstecken seiner Gastgeber ist also die Rede.

Austauschbar werden diese sieben geschildert. Annähernd individuelle, wenn auch verschwommene Konturen gewinnt lediglich Jean, der Kantinenkoch, ein Eigenbrötler, der den Gast zwar ausnützt, ihm aber immerhin das Gefühl gibt, noch wahrgenommen zu werden. Aber das ist schon Deutung. Der Autor begnügt sich damit, das Protokoll einiger Wochen aufzunehmen, bedächtig, unbewegt, ohne Häme. Sympathie oder Antipathie überläßt er den Lesern. Die müssen mit gemischten Gefühlen selbst ihre Schlüsse ziehen. Erich Hackl

  • Linus Reichlin:

Vom Verstecken eines Gastes Zytglogge-Verlag, Bern 1990; 112 S., 24,– DM