Der Sport vor der Vereinigung: In Split hantierten DDR-Athleten zum letztenmal mit dem alten Werkzeug

Daß die Brüder und Schwestern immer – oder doch: fast immer – vergleichsweise höher, schneller, weiter sprangen, liefen, warfen als die konkurrierende westliche Verwandtschaft, war unter allen sozialistischen Errungenschaften, die nun unbeweint den Bach der Vereinigung hinunterschwimmen, stets die am schärfsten ins Auge stechende. Die Sicherstellung ihrer regelmäßigen Medaillenernte hat sich die Deutsche Demokratische Republik zeitlebens etwas kosten lassen, etwas mehr durchaus als nach den Umständen angemessen, war doch nach herrschender Lehre durch die Überlegenheit in der Sprunggrube die Überlegenheit des ganzen Gesellschaftssystems zu beweisen. Bis zu dem Tage jedenfalls, da alles unter der Beweislast zusammenbrach.

In der vergangenen Woche nun, bei der Europameisterschaft der Leichtathleten im jugoslawischen Split, gingen die Sportler der DDR ihren letzten großen Gang in geschlossener Formation. Es war ein denkwürdiger Auftritt in geschichtlichem Zwielicht, ein historisches Schwanenrennen. Während die regierende Mannschaft zu Hause die Einigungsparaphen setzte, unter schwarzrotgoldenem Tuch, aus dem sich ein obsoletes Emblem bereits verflüchtigt hatte, klammerte sich die Mannschaft im Stadion ein letztes Mal an die alte Identität, sammelte, mit spürbarem Trotz und sichtlich ergriffen, unter den verwehenden Klängen der Becher-Hymne und dem überholten Fähnlein Gold und Silber wie gehabt.

Ein unsportlicher Schelm, wer Schlechtes dabei denkt. DDR-Sportler haben ihrem sich auflösenden Staat einiges zu verdanken und nun einiges zu verlieren. Doch auch jenseits aller Politik und unabhängig davon wird eine Mannschaft, die ihr letztes Stündlein gekommen weiß, sich in der gemeinsamen Anstrengung noch einmal solidarisch fühlen und daraus Stärke beziehen, unter welchem Zeichen auch immer.

In Split wohnten sie unter einem Dach, die Westdeutschen und die Ostdeutschen, weil die Westdeutschen es so gewünscht hatten; aber unter einen Hut bringen ließen sie sich nicht. Es sind immer noch ihre Medaillen, die sie da gewonnen haben, nicht unsere. Dies ist, angesichts des verdächtig beutegierigen Blinzeins im Auge manchen Westfunktionärs, in der Bilanz festzuhalten.

Wenn sich ost- und westdeutsches Athletenwesen jetzt zusammentun, so fallen sie einander dabei nicht in die Arme. Eher zögernd, gern einige Schritte hinter der Politik, vollziehen sie ihren Prozeß der Vereinigung mit durchaus ambivalenten Gefühlen – auf beiden Seiten. Es gibt Verluste hüben und drüben. Daß wir wieder ein Volk sind – schön und gut; für den Spitzensportler hat es auch eine unschöne Konsequenz: Aus Deutschland einig Vaterland werden sich künftig nur noch halb so viele Sportlerinnen und Sportler zu Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen aufmachen können wie aus dem geteilten. Da rechnet sich mancher bislang sichere Kandidat schon aus, daß er auf einmal keiner mehr ist.

Es knüpft, andererseits, mancher Sportsfreund an die Vereinigung die klammheimliche Erwartung, Deutschland United werde künftig ein Supersportverein sein, der alle Konkurrenz überrennt, eine hochbrisante Verbindung sozusagen aus BRD-Finanzkraft und DDR-Trainingstechnologie. Doch spricht einiges dagegen, daß es so kommt. Der Leistungssport bezog in der Vergangenheit hier wie dort einen nicht geringen Teil seiner Schubkraft aus der Konfrontation zwischen Ost und West; für diesen Rüstungswettlauf auf dem Sportplatz gibt es nun keine Motivation mehr.