Von Jürgen Bertram

Ach, würde er doch wenigstens mit dem Auge zwinkern und so von der liebenswertesten aller chinesischen Eigenschaften, dem Hang zum Schelmischen, künden ... Aber nein: Der Panda, der, mal aus Plüsch und mal aus Pappmaché gebastelt, den im September in Peking beginnenden Asienspielen als Maskottchen dient, blickt tumb, ja fast ein wenig debil drein; und wenn ihn, wie kürzlich bei einem Kinderfest auf dem Platz des Himmlischen Friedens, eine im Hals installierte Mechanik monoton den Kopf schütteln läßt, dann sieht der Bär so aus, als könne er es selbst nicht begreifen, warum ihn seine Schöpfer vom Organisationskomittee nicht als Pfiffikus, sondern als Tölpel modelliert haben. Kumpel Panda – oder besser: Genosse Panda; oder noch besser: big brother Panda – ist derzeit die beherrschende Figur in Peking, man begegnet ihm fast überall. Er steht an der Flughafenstraße, etwas deplaciert, in einem Umfeld von aufgewühlten Dränagen, quittegelben Polizeihäuschen und Herden blökender Schafe, die Arme zum Gruße ausgestreckt. Vor dem moslemischen Restaurant in der Nähe des Arbeiterstadions lugt der Bär, ebenfalls recht unvermittelt, durch die im Sommerwind flirrenden Blätter der Pappeln. Und im Palast der Jugend streicht er mit einem an der Tatze klebenden Bogen die Fiedel.

Der Panda-Bär, als Lebewesen ein Komiker, ziert Schlüsselanhänger und Krawattennadeln, Taschenmesser, Korkenzieher, Tücher, Fächer, Fähnchen, Flaschen, T-Shirts und auch Herrensocken. Mit seinem Konterfei fahren Busse und Taxen durch Peking; und so mancher Konditor hat ihn schon aus Marzipan geformt.

Vom Mao-Kult zum Panda-Kult: Man könnte diese Entwicklung ja als Fortschritt feiern, entspräche die allgegenwärtige Kitsch-Figur nicht den in China seit der Niederschlagung des Bürgeraufstandes wieder geltenden ästhetischen Normen, zu denen es, anders als in bürgerlichen Gesellschaften, kein subtiles Gegengewicht gibt. Die Kunst, so das Verdikt unzähliger Papiere der Kommunistischen Partei, hat das Positive herauszustellen.

Die Einheit von Idylle und Gewalt, die charakteristisch ist für die Ästhetik in Diktaturen, offenbarte sich in geradezu klassischer Weise bei jenem Kinderfest, dessen optischer Mittelpunkt der mit dem Kopf wackelnde Panda war. Gleich hinter dem Bären, und zwar exakt auf dem Areal, auf dem ein Jahr zuvor Panzer der Volksbefreiungsarmee die Demokratie-Bewegung niedergewalzt hatten, war ein Stand für Kinder aufgebaut, der als besondere Attraktion ein Gefecht zwischen Spielzeugpanzern offerierte. Mit Maschinengewehren bewaffnete Rambos en miniature lauerten im Hinterhalt. Und wenn ein Kind einen Panzer mit der Fernbedienung zu ungeschickt über das Schlachtein lenkte, dann löste die Elektronik einen symbolischen Explosionsknall aus. In die martialischen Geräusche mischten sich bei diesem denkwürdigen Festival zur Einstimmung auf die Asienspiele die süßlichen Töne eines aus jungen Pionieren bestehenden Violinorchesters. Und unmittelbar neben etwas linkisch Ringelreigen tansenden Schülern übten sich leibhaftige Soldaten im Nahkampf.

Die dekadenten Elemente der gegenwärtig durch China rollenden neo-revolutionären Welle werden am deutlichsten in einer Show entlarvt, die das staatliche Fernsehen zu einem Jubiläum der Armee produzierte und deren Höhepunkte in den Halbzeitpausen von Spielen der Fußballweltmeisterschaft vor vielen Millionen Zuschauern wiederholt wurden. Da lösen sich mit kühnen Sprüngen Ballett-Soldaten aus künstlich erzeugtem Nebel, die Patronengürtel quer über die nackten Oberkörper tragen und deren geschminkte Lippen den tödlichen Dolch umschließen. In Zwischenschnitten zu dieser Darstellung allzeit bereiten Kampfeswillens präsentiert die Kamera immer wieder das fast ausschließlich aus uniformierten Angehörigen der Volksbefreiungsarmee bestelende Publikum. Stahlhelm an Stahlhelm, Matrosenmütze an Matrosenmütze, Koppel an Koppel sitzen die Achtzehn- oder Neunzehnjährigen stumm und starr auf ihren Stühlen.

Es hat Tradition, daß die Menschen die von oben verfügte Ordnung in ihrem privaten Bereich mit einigem Anarchismus konterkarieren. Ein Musterbeispiel für die elegante Variante der Subversion lieferte kürzlich ein Pekinger Lokal. Es wollte seinen chinesischen Stammgästen mal wieder einen Tanzabend mit Rockmusik bieten, wohl wissend, daß dies von der Partei nicht gern gesehen wird. Die Geschäftsführung des Etablissements meldete den Abend offiziell als „Veranstaltung zur Förderung der Asienspiele“ an und gab, um seine lautere Absicht nach außen zu dokumentieren, Panda-Bär-Masken an seine Gäste aus. Der Trick erwies sich gleich in zweifacher Weise als taktische Meisterleistung: Er machte den Abend überhaupt erst möglich und sicherte die Anonymität der sich ausgelassen zur Rockmusik bewegenden Tänzer.