Nach der Einigung über die Einheit: Wir brauchen eine gesamtdeutsche Fristenlösung

Von Margrit Gerste

Zweierlei Recht wird für die deutschen Frauen vom 3. Oktober an gelten. Im Westen der dann vereinten Republik bleibt der Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich strafbar, bestimmte Indikationen ausgenommen; im Osten gilt weiterhin Straffreiheit bis zum dritten Monat. In zwei Jahren soll ein neues, gemeinsames Gesetz gefunden sein. Politikerinnen haben mit Erfolg dagegen gekämpft, daß westdeutsche Frauen in der Zeit des Übergangs auf dem Boden der DDR kriminalisiert werden – Stichwort: Wohnortprinzip. Denn mit dieser juristischen Manipulation wäre schon mal politisches Terrain für einen schlichten Beitritt der DDR auch in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs gewonnen worden.

Ist umgekehrt – mit der Anerkennung des "Tatort"-Prinzips – eine kleine Vorentscheidung gegen den Paragraphen 218 des bundesdeutschen Strafgesetzbuches getroffen? Möglich, das Wort Strafe jedenfalls kommt im Einigungsvertrag nicht vor. Aber hier wie dort bleibt der Schwangerschaftsabbruch ein brandheißes Eisen.

Westdeutschland ist schon polarisiert, und mittlerweile wird das Thema auch von Liberalen und Linken anders diskutiert als noch in den siebziger Jahren: "Grünes" Bewußtsein hat den Rundum-Lebensschutz von Natur, Mensch und Tier problematisiert, statt von "Abbruch" spricht man von "Tötung". "Grüner" Fundamentalismus trifft sich da mit dem katholischen. Vielleicht spielt auch eine Rolle – warum sonst streiten gerade Männer mit solcher Heftigkeit? –, daß in unserer allseits frauenbewegten Gesellschaft ein letzter Kontrollverlust droht: Ob Kinder oder keine, bestimmen wir allein – das macht angst.

Im Osten dagegen ist die Abtreibung eines Embryos zwar erlaubt; dennoch ist sie tabu. Eine offene und öffentliche Diskussion beginnt gerade erst. Frauen sprechen von schmerzhaften, demütigenden Erfahrungen, vom Gefühl der Schuld, von der Einsamkeit bei der Suche nach der für sie richtigen Entscheidung. Immer lauter aber wird ihnen Leichtsinn vorgeworfen.

Es ist also noch keineswegs sicher, wie ein neues, ein besseres Gesetz im neuen Deutschland aussehen wird. Die Vereinigung aber bietet westdeutschen Frauen zum erstenmal nach fünfzehn Jahren zähen Ringens allein um den Status quo eine große Chance: den Paragraphen 218 zu reformieren, ein Gesetz abzuschaffen, das zu Heuchelei zwingt; ein Gesetz, das Unrecht und Unsicherheit geschaffen hat; ein Gesetz, das strafender Willkür Vorschub leistet und Frauen demütigt, wenn Männer es so wollen.