Ein schönes dickes Buch liegt auf dem Tisch: „Heimkehr nach Mecklenburg“, aus dem Konrad Reich Verlag in Rostock. Konrad Reich? Konrad Reich! Ja, Konrad Reich ist wieder da. Und daß er das erste Buch im eigenen Verlag „Heimkehr nach Mecklenburg“ nennt, verrät etwas von der trotzigen Treue dieses Büchermachers zu seinem Gewerbe, zu der ihm Heimat gewordenen Landschaft am Meer und von dem hintersinnigen, (selbst-)ironischen Humor, der in dieser Gegend selbstverständlich ist.

Nach dreizehn Jahren der Verdrängung aus dem Verleger-Beruf, in denen sich der viel- und hochbegabte Mann als Autor von Sachbüchern (mit Bestseller-Auflagen!) bewährt hat, hält es diesen Menschen-Finder nicht länger in der Einsamkeit der Schreib- und Studier-Stube. Ein geborener (und gelernter) Verleger ist wieder da, wo wir alle ihn brauchen im einigen Deutschland – überall: am Tisch im Café, wo er Autoren zu Büchern verführt; am Computer im Wohnzimmer, von wo aus er seinen (noch) Vier-Personen-Verlag leitet; in der Papiermühle, wo er nach der einzig richtigen Qualität sucht; in der Druckerei, wo er um Farbnuancen kämpft; am Steuer des Gebrauchtwagens, in dem er die ersten Bücher des „Konrad Reich Verlags“ selber ausfährt; am Eßtisch, wo er mit der Ehe- und GmbH-Partnerin Lydia Reich das Risiko eines kleinen ostdeutschen Privat-Verlegers im Großdeutschland der Verlags-Konzerne abwägt; am Arbeitstisch unter dem Dach, wo er überlegt, ob er die vielen Buchprojekte, die sich auf der Schreibplatte türmen, jetzt schon wagen kann, vor dem gesamtdeutschen Glücks- (für einen neuen Verlag vielleicht: Katastrophen-) Termin oder erst danach (oder nie).

Konrad Reich: Wer in den sechziger, siebziger Jahren zur Buchmesse nach Leipzig gefahren ist, kam an dem Mann nicht vorbei, der neben den flink formulierenden Geschäftemachern ruhigen Ernst ausstrahlte; wer die Funktionärs-Kommandos der Literatur-Feldwebel der DDR im Ohr hatte, konnte sich im Gespräch mit Konrad Reich erholen – da war von Literatur die Rede, von so altmodischen Sachen wie Kunst, Tradition, Handwerk, Kritik. Vielen galt Reich als „Unseld der Ostzone“ oder als „Wolf Jobst Siedler des Sozialismus“. Weshalb? Konrad Reich hat in den wenigen Jahren, in denen er einen der bedeutendsten Verlage Deutschlands geleitet hat, das alte Heimathaus des niederdeutschen Erzählers Fritz Reuter zum wichtigsten Verlag für die Literatur der DDR gemacht: Erich Arendt, Jurek Becker, Fritz Rudolf Fries, Erich Köhler, Klaus Schlesinger – Namen, die jeder gesamt-deutsche Verleger stolz ins Programm nähme.

Weshalb aber erinnert Franz Fühmann (auch ein Autor, den Konrad Reich an seinen der Literatur, nicht der Propaganda verpflichteten Verlag gebunden hat) in seiner Festrede zum 150. Geburtstag des Hinstorff-Verlags, 1981, an den Abgeordneten Carl Theodor Welcker? Der hat im selben Jahr, da der zwanzigjährige Webersohn Dethloff Carl Hinstorff, am 2. September 1831, in Parchim Buchhandlung und Verlag gegründet hat, im Landtag zu Karlsruhe seine „Motion zur Aufhebung der Censur oder Einführung vollkommener Preßfreiheit“ eingebracht. Fühmann lobt – ein Augenblick von Trost und Protest zugleich, wie wir ihn uns im Westen gar nicht vorstellen können – den „Geist der Wahrhaftigkeit, das freie Wort, die ehrliche Rede, und zwar nach allen Seiten hin“, was alles er bei Hinstorff unter Reich gefunden hat.

Konrad Reich mag von „Widerstand“ nichts hören. Ja, da gab es – heute gar nicht mehr vorstellbar – Aktionen gegen Ulrich Plenzdorfs Buch „Die neuen Leiden des jungen W.“ (1973). Das – zu Recht – auch im Westen viel gespielte Stück, eine nach Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ gearbeitetes Werk, erschütterte die DDR. „Fäkalienvokabular ... mich ekelt geradezu“, gab der „Staranwalt“ der DDR, Professor F. K. Kaul, zu Protokoll. Wenn Konrad Reich morgens zur Arbeit ging in das Verlagsgebäude in der Rostocker Altstadt, wo man – woran Fühmann erinnert – „von der Haustürfront auf die Fischbratküche, von der Rückseite in den Gefängnishof sieht“, kam er wochenlang an Plakaten vorbei, in denen „Kulturschaffende“ gegen Plenzdorfs Stück protestierten.

Das Plenzdorf-Riff konnte der Verleger-Segler Konrad Reich noch abgieren. In seinem Buch „Himmelsbesen über weißen Hunden“, das er mit Martin Pagel während des Zwangs-Vorruhestands geschrieben hat, lernen wir, was man vor zweihundert Jahren man unter „abgieren“ verstand: „das Schiff von einem Gegenstand ablenken oder entfernen“.

Mit Abgieren war es drei Jahre später nicht mehr getan. Jetzt drohte die Havarie. Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann erweist sich immer mehr als das Ereignis, das den Untergang der DDR besiegelt hat: Jetzt hatte das vermeintlich „sozialistische“ Staatsgebilde der Herren Stalin/Ulbricht/Honecker, über dessen fehlendes Gewissen man großzügig hinweggeschaut hatte, auch das Gesicht verloren. Weil von den Autoren der DDR, die sich mit Biermann solidarisch erklärten, fast alle ihre Bücher in dem von Konrad Reich geleiteten Hinstorff Verlag herausbrachten, vurde der Verleger – viermal! – in der Parteipostille der Einheitspartei, dem Neuen Deutschland, zur Selbstkritik aufgefordert. Seine Autoren im Stich lassen? Sein Lebenswerk verraten? Sich seiter untreu werden? Konrad Reich tut – nach quälenden Gesprächen mit „seinen“ Autoren – das für die DDR Unerhörte, ja für den Leiter eines sogenannten Verlags im Volkseigentum Schockierende: Er schreibt der Hauptverwaltung Buch beim Kulturministerium einen Antrag auf die eigene Abberufung.