Von Irina Ginzburg

NEW YORK. – Ich hatte Gluck. Ich habe mein Heimatland rechtzeitig verlassen. Daheim in Rußland ließ ich mein Haus, meine Freunde, die Gräber meiner Eltern – alles, was mir teuer war – zuruck. Doch in Rußland ließen auch meine ständige Angst um das Leben meiner Familie zuruck, die demütigende Erwartung von Pogromen gegen die Juden. Nun bin ich in Sicherheit, ich bin in New York.

Mein Dank gilt all denen, die auf meinen Artikel in der ZEIT vor einigen Monaten reagiert haben. Deutschland, das deutsche Volk, das heute wie nie zuvor mit seinen eigenen inneren Problemen beschäftigt ist, bleibt dem Schicksal der sowjetischen Juden gegenüber nicht taub und teilnahmslos. Das ist auch für mich personlich wichtig. Denn durch „Hänsel und Gretel“ lernte ich die deutsche Sprache. Deutsche Kultur und Mentalität waren mir von Kindheit an vertraut, mir, dem russisch-jüdischen Madchen, geboren fünf Jahre nach dem Ende des verheerenden Krieges. Für viele war damals die deutsche Sprache die Sprache der Barbaren, der Todfeinde. Doch mein Vater, Lew Ginzburg – der bekannte Schriftsteller und Germanist, der nahezu die gesamte deutsche Literatur von Parzival bis Enzensberger ins Russische übersetzte – hatte mir immer erklart, daß Deutscher und Faschist durchaus nicht ein und dasselbe sind, daß der Faschismus nicht nationale, sondern soziale Wurzeln hat.

1953, als die Ofen von Auschwitz und Buchenwald noch kaum erkaltet waren, plante Stalin einen neuen Holocaust. Aufgrund gefälschter Anklagen wurden unschuldige jüdische Ärzte, die angeblich die gesamte Kreml-Fuhrung, ja sogar das ganze russische Volk liquidieren wollten, in die Gefängnisse des KGB geworfen. Ihre spektakuläre Hinrichtung auf dem Roten Platz sollte den Auftakt bilden zu allgemeinen Pogromen, zur völligen Vernichtung der russischen Juden. Nur der Tod Stalins verhinderte die Ausführung dieses ungeheuerlichen Plans.

Kommunismus und Faschismus gleichen einander wie Zwillinge. Wenn Deutschland dieses furchtbare Laster bereits überwunden hat, wenn die Anhänger faschistischer Tendenzen sich nur noch aus einem Häufchen von Milchbärten und nostalgischen Machos rekrutieren, dann kann auch der Kommunismus als politische Kraft einmal der Vergangenheit angehören. Noch scheint der Antisemitismus in der Sowjetunion Bestandteil staatlicher Politik zu sein. Aber eines Tages wird das Wort „Pogrom“, wie das Wort „Kristallnacht“, wieder von der Bildfläche verschwinden.

Glasnost hat die Schleusen geöffnet, die Sprache befreit, die Instinkte in Aufruhr versetzt. In der ermüdenden, endlosen Erwartung der „lichten Zukunft“ suchen die Menschen nach Schuldigen. Alle Schuld auf die Juden abzuladen – das war schon immer am bequemsten.

Die Juden erwartet nichts Gutes in ihrer Heimat, in der sie Außenseiter sind. Heute gibt es in Rußland keine jüdische Familie, in der diese Frage nicht diskutiert würde. Der Massen-Exodus der Juden aus Rußland ist eine harte Realitat. Die Emigration ist ein Schicksalsschlag und keine Ferienreise. Denn in der Fremde stehen die Menschen häufig mit leeren Händen da, ohne Arbeit, ohne Sprachkenntnisse. Im Westen gibt es bereits eine Anzahl von Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Spendenaktionen für sowjetische Juden zu veranstalten.