Von Gunter Hofmann

Bonn, im September

Eigentümlich der Rollentausch: Bisher wollten wir Westdeutschen erfahren, wer die Politiker in der DDR sind. Jetzt möchten die Ostdeutschen wissen, wer von unserer Seite künftig bei ihnen eine Rolle spielen will und soll.

Die politischen Klassen im Osten wie im Westen verzahnen sich, die Bürokratien auch. Man darf gespannt sein, wer am Ende, ob er nun aus der alten oder der neuen politischen Klasse stammt, überhaupt noch oben bleibt.

Kurt Biedenkopf hat alle Aussicht, bei den Landtagswahlen am 14. Oktober Ministerpräsident im „Freistaat Sachsen“ zu werden. Ja, „Freistaat“ hat er in Dresden gesagt. Er bezog sich auf das Ur-Jahr 1919, als Freistaat eben der Gegensatz war zur Monarchie. Ein paar Monate älter sei Sachsen sogar als der „Freistaat Bayern“.

Die Bonner kennen Biedenkopf natürlich seit langem. Für seine SPD-Konkurrentin Anke Fuchs gilt das auch. Es war, nebenbei gesagt, einigermaßen mutig, daß sie sich auf dieses wohl aussichtslose Rennen einließ, fünfzehn Prozent hatte ihre Partei in dem einstigen SPD-Stammland im Frühjahr gerade noch erhalten.

Kurt Biedenkopf ist ein Bonner Gewächs. Die Sachsen kennen ihn allenfalls vom Bildschirm her, das östliche Sachsen ausgenommen, von wegen des schlechten Empfangs. Doch repräsentativ für Bonn und seine politische Klasse ist er nun auch wieder nicht. Das hängt damit zusammen, daß er es immer gerne gesehen hätte, wenn im Parlament die politischen Kontroversen wirklich ausgefochten würden.