Von Shahram Chubin

GENF. – Kein Land ist durch die irakische Besetzung Kuwaits mehr betroffen als der Iran, von Kuwait selber und Saudi-Arabien abgesehen. Nach dem irakisch-iranischen Krieg, der ebenfalls mit einer irakischen Invasion begann, hatten die Iraner sich daran gewohnt, in Saddam Hussein das Ungeheuer zu sehen, als das er heutzutage in den westlichen Medien erscheint. Die Annexion von Kuwait hat deshalb im Iran erneut Unsicherheit geweckt.

Von Anfang an war die iranische Reaktion auf die irakische Invasion Kuwaits eindeutig. In einer offiziellen Erklärung vom 2. August wurde sie unverzüglich verurteilt, eine Woche später forderte der Iran den „sofortigen und bedingungslosen Abzug“ der irakischen Truppen. In einem Schreiben vom 10. August an den Generalsekretär der Vereinten Nationen betonte Teheran, der Iran werde keinerlei Verschiebung der Grenzen hinnehmen. Diese Haltung hat sich auch durch die irakische Bereitschaft, die iranischen Forderungen hinsichtlich der gemeinsamen Grenze zu akzeptieren, nicht geändert. Denn für Teheran sind die Friedensregelung zwischen den beiden Nachbarn und die Einverleibung Kuwaits durch den Irak völlig voneinander getrennt. Auch die iranische Diplomatie in der Region wurde wieder aktiv: Außenminister Velayati besuchte Syrien und vier Golfstaaten, der türkische Außenminister führte am 18. und 19. August in Teheran Gespräche.

Trotz der potentiell explosiven Lage, die durch die Entsendung ausländischer Truppen auf die Arabische Halbinsel geschaffen wurde, kann der Iran die Krise nicht in die bequemen ideologischen Kategorien von einst – der große Satan gegen den Islam – pressen. Zehn Tage nach dem irakischen Einmarsch erklärte Präsident Rafsandschani, der Angriff gegen Kuwait stelle „weder einen Kampf zwischen Revolution und Gegenrevolution noch einen Konflikt zwischen konservativen und fortschrittlichen Kräften dar. Vielmehr wurde hier ein Schatz geplündert, eine der schlimmsten Taten des Irak ... Jedermann konnte vorhersehen, daß eine derartige Aggression die Entsendung ausländischer Truppen auslösen würde.“

Mit der Annexion Kuwaits wird der Irak, der damit an der Golfkuste Fuß faßt und die Ressourcen Kuwaits übernimmt, sowohl zu einem maßgeblichen Ölland als auch zur vorherrschenden Macht am Golf. Deshalb stimmen die Reaktionen Teherans mit denen anderer Staaten in der Region und im Westen weitgehend überein.

Aber diese Übereinstimmung ist nicht vollständig. Zum einen fühlt sich der Iran durch die mißliche Lage, in die andere Staaten durch die Krise gebracht wurden, in seiner Einschätzung des Irak bestätigt. Zum anderen trifft die Krise das Land nicht so schwer wie andere Staaten. Daß der Irak den 1975 in Algier geschlossenen Vertrag über die Grenzziehung im Schatt el-Arab nun als Grundlage für eine bilaterale Friedensregelung mit dem Iran akzeptiert hat, kann Teheran als großen Sieg verbuchen und seine Truppen an der gemeinsamen Grenze verringern. Auch der Anstieg der Ölpreise kommt dem Iran zustatten. Denn er braucht hohe Einnahmen und hat nicht die Kapazitatsreserven, um von der erhöhten Nachfrage zu profitieren. Deshalb will Teheran auch den Preis pro Faß Öl so hoch wie möglich halten, deshalb widersetzte es sich dem Plan der Saudis, durch verstärkte Forderung den Ausfall irakischen und kuwaitischen Öls wettzumachen. Außerdem erlaubt die Krise dem Iran, seine diplomatischen Beziehungen in der Golfregion zu normalisieren und dies auch, vorsichtiger zwar, gegenüber den Vereinigten Staaten und Großbritannien anzubahnen.

Aber neben diesen spezifischen Vorteilen und der Schadenfreude auf der einen Seite weist die Bilanz auf der anderen auch Nachteile aus. Die endgültige Einverleibung Kuwaits durch den Irak wurde die geopolitische Lage am Golf ebenso einschneidend verändern wie die wahrscheinlich langfristige Präsenz vornehmlich amerikanischer Truppen in der Region. Mit seinem Vorgehen hat der Irak zudem seine Mißachtung iranischer Militärmacht demonstriert, als sei der Iran für den Nachbarn nebensachlich geworden. Das muß aus iranischer Sicht korrigiert werden, wenn das Gleichgewicht am Golf wiederhergestellt werden soll.